betül ulusoy

حلال

Der „Halal“-Begriff ist, wie ich finde, eines der missbräuchlichst verwendeten Wörter unserer Zeit. Unser Verständnis davon ist meistens sehr viel enger, als es dem Wortsinn gerecht wäre und erschöpft sich meist darin, ob ein Tier „halal“ geschlachtet wurde oder nicht. Selbst bei dieser engen Auslegung finden Ethik, Moral und Tierschutz, entgegen klarer islamischer Vorschriften, oft wenig Beachtung.

Dabei habe ich selbst in das Minimum-Verständnis kaum Vertrauen. Ich habe schon erlebt, dass Truthahn mit dem selben Herstelleretikett bei einem Fleischer als: „Absolut halal geschlachtet, Bruder, du brauchst dir keine Sorgen machen, vallah“, gepriesen und bei einem anderen Fleischer als: „Nein, Bruder, wenn du schon fragst, muss ich dir davon abraten. Das ist nicht halal“, bezeichnet wurde.

Ich habe auch schon erlebt, dass bärtige Hacis einer Dönerproduktionsfirma Fleisch lieferten, darauf schworen, dass es „halal“ sei und ein „Halal-Zertifikat“ vorlagen. So weit, so gut. Gäbe es nicht den einen Mitarbeiter in einer Döner-Bude, der eine Schweinefleisch-Allergie hat und einen Ausschlag bekam, sobald er von dem Döner aß. Darauf angesprochen beteuerte die Firma: „Was sollen wir machen? Die Fleischpreise sind hoch und wir müssen auch Geld verdienen und unsere Familien ernähren. Es war nur wenig Schweinefleisch beigemischt“. Aha. Familien ernähren mit Haram-Geld also. Darauf kommen wir gleich noch einmal zurück, denn die Wirkung auf diese Familien kann nicht positiv sein.

Aber jetzt sind wir erst einmal beim eigentlichen Thema: Halal Geld verdienen und seine Kinder von halal verdientem Geld ernähren.

Auch im nächsten Beispiel geht es um eine Dönerproduktionsfirma. Das Unternehmen hat sich bereits einen Namen auf Grund von Steuerhinterziehung gemacht, ging insolvent, ging unter neuem Namen wieder an den Markt. Wenn der Geschäftsführer wieder knapp bei Kasse ist, weil er lieber ein Grundstück in der Türkei kaufen wollte, als seine laufenden Geschäfte zu führen, kauft er auch schon mal „Gammelfleisch“ und mischt sie seinem Döner bei. Ist eben günstiger. Der Zwischenhändler ahnt nichts und trägt die Last, beim Unternehmer vor Ort stinkt das Fleisch, der Verbraucher wird krank. Das ist die Handelskette. Manchmal lässt der Geschäftsführer dem Fleisch auch (zu viel) Wasser beimischen. Dann stimmt zwar das Gewicht des Dönerspießes beim Verkauf. Beim Unternehmer am Grill tropft es aber und der Spieß zerfließt förmlich dahin.

Wasser ist ein gutes Stichwort. Dazu fällt mir eine Anekdote ein, mit dem mein Vater uns gern am Frühstückstisch ermahnt.

Einst gab es von der Türkei aus zwei Wege, um nach Mekka zu gelangen und die Pilgerfahrt zu machen. Der Landweg mit Karawanen und der Seeweg mit Handelsschiffen. Ein Pilger befand sich auf einem dieser Segelschiffe und mit ihm auch weitere Pilger und ein Bordaffe. Der Pilger trug sein Goldsäckchen, sein ganzes Vermögen für die Pilgerfahrt, am Leib bei sich. Eines Tages entwendete der Affe das Goldsäckchen, stieg mit ihm hinauf in die Segel und fing an, das Gold heraus zu holen. Mit einem Goldstück bewarf er stets den Pilger, das nächste Goldstück warf er ins Meer. Andere Pilger gerieten in Panik und waren besorgt um das Vermögen ihres Freundes, der das Gold noch für die Reise benötigte. Sie liefen zu einem Gelehrten, der sich ebenfalls auf dem Schiff in Richtung Mekka befand und fragten ihn um Rat. Der Gelehrte aber ermahnte alle zur Ruhe. „Ist der Pilger ein Milchbauer?“, fragte er die Menge. Als sie das bestätigten, sagte er: „Lasst den Affen gewähren und unternehmt nichts“. Die übrigen Pilger waren verwirrt und baten den Gelehrten um Erläuterung. „Der Milchbauer hat seiner Milch stets jeweils zur Hälfte Wasser beigemischt. Er hat die Milch anschließend aber immer zum vollen Milchpreis verkauft und die Beimischung verheimlicht. Der Affe ist Gottes Segen. Der Herr möchte nicht, dass der Pilger seinen Gottesdienst mit nicht halal erworbenem Gold verrichtet. Darum sorgt jetzt der Affe dafür, dass das Vermögen dort landet, wo es hingehört: Zur Hälfte beim Pilger, zur Hälfte im Wasser.“

„Achtet darauf, wie ihr euer Geld verdient“, sagt mein Vater immer: „Ich habe eurem Unterhalt nie haram Vermögen beigemischt und auch ihr müsst streng darauf achten. Gott sorgt immer für Gerechtigkeit, entweder im Jenseits, oft aber auch schon im Diesseits“.

Der Unternehmer, der seinem Fleisch immer Wasser beimischte, hatte ein Millionenvermögen, teure Grundstücke, eine Villa, Luxuslimousinen, Gesundheit. Er hat auf der Sonnenseite des Lebens gelebt. Er wurde ein paar mal gewarnt. Auch ihm wurden Anekdoten erzählt. Er hat darüber gelacht. Heute hat er alles verloren. Die Grundstücke musste er verkaufen, um Schulden zu begleichen, die Villa fiel unter die Fittiche des Insolvenzverwalters, er fährt jetzt einen 15 Jahre alten Golf und zu guter Letzt erlitt er einen Schlaganfall. Ein tiefer Fall von der Sonnenseite auf die düsterste Schattenseite des Lebens. Ein großer Verlust, nicht nur von Vermögen und Gesundheit, sondern auch des Jenseits. Eine bittere Lehre.

Nicht nur das. Der Grund für diesen Eintrag ist ein anderer Fall, über den ich in letzter Zeit öfter grübele: Ein anderer Unternehmer nämlich muss zur Zeit täglich ins Krankenhaus fahren. Sein Sohn liegt dort. Er hat Krebs. Innere Organe sind befallen, die Chemotherapie kostet nicht nur ihn, sondern die gesamte Familie viel Kraft. Manchmal frage ich mich, ob dieser Unternehmer nun mit der Krankheit seines Sohnes geprüft wird, weil er jahrelang mit der Gesundheit so vieler Menschen gespielt hat. Gott weiß es am besten.

„Wahrlich, euer Besitz und eure Kinder sind eine Prüfung.“

– Übersetzung des Qur’an (8:28)

Jedenfalls aber: Er ist der Gerechte und Er sorgt für Gerechtigkeit.

Möge uns Gott insaAllah alle vor der Versuchung bewahren, um des schnellen und vielen Geldes Willen, den halal-Weg zu verlassen. Möge er unsere gierigen Augen sättigen und uns Prüfungen mit unserem Vermögen, unserer Habsucht und Gier heil bestehen lassen.

Ich wünsche uns allen einen gesegneten Freitag mit viel Baraka – Hayırlı ve bereketli cumalar!

“Zwei hungrige Wölfe, die auf Schafe losgelassen werden, sind für diese nicht schädlicher als die Gier eines Mannes nach Geld und Ansehen für seine Religiösität.“

– Prophet Muhammad (s.a.v.)

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2 Kommentare zu “حلال

  1. PI-Gruppe München
    25. November 2014

    Noch verwirrender als den Begriff „halal“ finde ich das Wort „haram“, denn es kann sowohl „verboten“ wie auch „heilig“ bedeuten.
    So gibt es ja z.B. in Mekka den „Heiligen Bezirk“. Wikipedia dazu:
    „Der Begriff Haram (arabisch ‏ حرم‎, DMG ḥaram) bezeichnet im Arabischen den heiligen Bezirk um eine Wallfahrtsstätte …“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Haram_%28heiliger_Bezirk%29)

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  2. Pinar
    6. Mai 2015

    Liebe Betül,

    Du schreibst wirklich jedesmal so schön. Ich bin immer auf irgendeine Weise gerührt von Deinen Artikeln.
    Hands up! ✌️🙌
    Pinar

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. November 2014 von in Allgemein.

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