betül ulusoy

Allah’s Kampf gegen das Patriarchat

„Wir haben auch Frauen im Vorstand“, sagt er, „aber sie müssen nicht zu den Sitzungen kommen.“ Ich möchte nicht aufmüpfig wirken, also halte ich den Mund. Später frage ich aber doch im Einzelgespräch nach dem Grund. „Na ja, Frauen haben mit Familie und Haushalt Verpflichtungen und unsere Sitzungen sind abends. Ihre Teilnahme ist deshalb nicht verpflichtend“, meint er. Die Moschee hat also einen siebenköpfigen Vorstand, von denen zwei Mitglieder Frauen sind, die aber nicht kommen müssen, der in der Regel  ohne die Frauen beschließt und sich bei den Frauen meldet, wenn sie gebraucht werden, also der Abwasch und das Backen für die nächste Moscheeveranstaltung organisiert werden muss. Aber die Moschee hat Frauen im Vorstand! Die Frauen werden zwar schief angeguckt, wenn sie sich in den Hauptgebetsraum verirren, es wird zwar hinter ihnen getuschelt, wenn sie nicht züchtig ihren Blick senken, sobald sie das Moscheegelände betreten, beim Eheseminar geht es nur darum, wie sich eine Frau zu kleiden hat und wehe, man sieht eine Haarsträhne unter ihrem Kopftuch hervorgucken, aber hey, falls jemand fragt: Sie haben sogar Frauen im Vorstand!

Einmal schlage ich eine Frau als Referentin für eine Veranstaltung vor. „Nein“, meint er patzig, „die Schwester ist zu dominant. Wenn sie einen Ort betritt, nimmt sie zu viel Raum ein“. „Wie bitte?“, denke ich und frage ihn, ob er diesen Satz jemals über einen „Bruder“ gesagt hat. Er guckt mich verständnislos an. Ja, auch der Islam kennt den „alten weißen Mann“ und auch beim muslimischen „alten weißen Mann“ dreht sich alles um Macht und Machterhalt. Moscheevorstände größerer Moscheen sind hart umkämpfte Positionen. Viele würden gerne einmal den Ton angeben, ihre Ehefrau zur First Lady machen. Wenn die dann aber wie Hillary Clinton plötzlich auf die Idee kommt, selbst Anspruch auf dieses Amt zu erheben – wo kämen wir da hin? Es lebt sich gemütlich im Patriarchat. Wenn sich Frauen schon nicht aus dem öffentlichen Leben heraushalten lassen, dann doch wenigstens aus Schlüsselpositionen in der letzten Bastion der Männerwelt, der Moschee. Aber das rächt sich arg. Wenn heute Moscheen verwundert beklagen, dass ihnen der Nachwuchs abhanden kommt, obwohl Muslime doch als gebärfreudig gelten, dann liegt das vor allem auch daran, dass jungen Menschen und vor allem den vielen engagierten, visionären Frauen nicht der Raum gegeben wird, den sie zur Entfaltung brauchen. Unsere Moscheen brauchen ihre Frauen. Sonst werden sie untergehen.

Früher dachte ich immer, die Brüder müssten uns den Weg ebnen, den Grundstein legen, uns die Türen öffnen. Ich habe vergeblich gewartet. Heute weiß ich: Frauen müssen immer und überall selbst für ihre Rechte kämpfen. So hat es Gott im Koran vorgemacht, als er mit Maria das Patriarchat bekämpfte. Maria wurde in eine Zeit hinein geboren, in der es Frauen nicht gestattet war, den Tempel zu betreten. Frauen galten als unrein. Im Tempel durften nur Männer beten. Der Vorsitzende des Tempels war Imran, der Vater von Maria. Als seine Frau Hannah mit Maria schwanger wurde, galt das als Wunder. Hannah war zu diesem Zeitpunkt schon alt und biologisch nicht mehr in der Lage, ein Kind zu empfangen. In Freude dieses Wunders beschloss sie, ihr Kind Gott zu widmen. Das war damals nicht unüblich. Man übergab seinen Sohn dem Tempel und er wuchs dort in Gelehrsamkeit auf. Man widmete aber niemals ein ungeborenes Kind, denn bei ihm wusste man ja noch nicht, ob es ein Junge werden würde oder ein Mädchen, das den Tempel gar nicht betreten durfte. Hannah tat es trotzdem, Imran machte sich Sorgen. Er versuchte Hannah von der Widmung abzubringen, sie lehnte jedoch strikt ab, ihr Versprechen gegenüber Gott zurück zu nehmen. So gebar sie Maria, ein Mädchen, das dem Tempel gewidmet war, es aber nicht betreten durfte. Gott aber hatte es natürlichen auch in der Hand gehabt, ihr einen Jungen zu geben. Er hat sich aber ganz bewusst für eine Frau entschieden:

„Herr! Ich habe es als Mädchen (zur Welt) gebracht – und Allah weiß besser, was (sie zur Welt) brachte – und der Junge ist nicht gleich dem Mädchen“ – Koran, 3:36
Diesem Mädchen trägt Gott sodann auf:
Maria! Sei deinem Herrn demütig ergeben, wirf dich (vor ihm) nieder und nimm (beim Gottesdienst) an der Verneigung teil!“ – Koran, 3:43

Die Aufgabe Marias ist es, am Gottesdienst im Tempel, zu dem sie eigentlich keinen Zutritt hat, mit den Männern teilzuhaben, sich als Frau an ihrer Seite einen Platz im Gotteshaus zu erkämpfen, das damalige Frauenbild, dem keine Teilhabe in der Gesellschaft zugesprochen wird, zu korrigieren und ihm Gottes Frauenbild einer starken Frau, die sich nicht ausschließen lässt und gegen alle gesellschaftliche Normen,  Sitten und Bräuche hinweg gegen das Patriarchat kämpfen soll, entgegensetzt. Gott beauftragt damit auch keinen Mann – „und Allah weiß besser,  was sie zur Welt brachte- und der Junge ist nicht gleich dem Mädchen“ – sondern fordert von der Frau, dass sie selbst das Frauenbild korrigiert.

 

Damals war es außerdem üblich,  dass man eine Frau aus Respekt nicht beim eigenen Namen ansprach, sondern über den Namen ihres Vaters oder Ehemannes. Im Koran holt Gott den Menschen oft dort ab, wo er steht. Hannah wird deshalb als „Frau des Imran“ bezeichnet. Nicht beim eigenen Namen. Sie ist es aber, die ihre Tochter selbst und ohne Mitspracherecht ihres Mannes  nicht nur widmet,  sondern auch ihr ihren Namen gibt:

„ich habe sie Maryam genannt“ – Koran, 3:36

Nun geht Gott den nächsten Schritt, nachdem er den Menschen dort abholte, wo er war. Maria nennt Er nicht mehr nach ihrem Vater als „Tochter des Imran“, sondern direkt bei ihrem eigenen Namen. Und während Männer davon ausgehen, dass nur von ihnen ihr Stamm und ihr Name fortgeführt werden kann,  macht Gott ihnen erneut einen Strich durch die Rechnung und bezeichnet Marias Sohn, Jesus, als „Sohn der Maria“. Wunderschön. Aus „Frau des Imran“ wird „Maria“ wird „Sohn der Maria“.

Und wer jetzt noch glaubt,  aber es brauch doch unbedingt Männer und ohne Männer kein Fortbestehen der Menschheit, dem zeigt Gott: Mäßigt euch, ich kann, wenn ich will, auch ohne euch. So wird Maria nicht grundlos jungfräulich schwanger, sondern soll Männern mit diesem Wunder zur Einsicht und Erkenntnis ermahnen. Als muslimische Frau ist es essenziell zu verstehen: Gottes Botschaft hier ist nicht, dass wir eine gute Muslimin sind, wenn wir keusch sind. Das ist nicht die Moral der Geschichte. Die Botschaft ist: Wenn Gott will, braucht es keine Männer. Wir sind eigenständig, unabhängig.

Liebe Frauen und Männer. Im Koran ist Maria nicht die züchtige,  schüchterne, schamhafte Jungfrau. Sie ist eine Frau durch und durch, aus Fleisch und Blut, mit Geburtswehen und Schmerzen, die so stark sind, dass sie sich den Tod wünscht, eine Frau, zu der nicht irgendeiner, sondern Gabriel, der Engel der Offenbarung geschickt wurde, die eine Botschaft hat,  rein soll in die Moschee, dorthin, wo Frauen keinen Zutritt haben, ein Kind empfängt ohne Mann, ihren Namen weitergibt statt den eines Mannes. Wenn wir an Gott glauben, seine Botschaften ernst nehmen, dann müssen wir auch diese Wahrheit in unser Leben übertragen. Ohne wenn, ohne aber.

Liebe Frauen. Lasst uns Maria als Quelle der Inspiration und Kraft nehmen. Lassen wir uns heute von ihr inspirieren und morgen kämpfen wie sie. Lasst uns stark sein, lasst uns für unseren Platz einstehen, lasst uns Raum einnehmen. Lasst uns das Frauenbild des Islams ernst nehmen. Lasst uns Marias Kampf nicht zu der Geschichte einer passiven Jungfrau verkommen lassen, sondern würdigen als einen aktiven, bewussten Einsatz. Lasst uns Marias Geschichte, ihr Leben, ihre Botschaft in unsere Moscheen tragen, in den Moscheen über sie sprechen, diskutieren, Lehren ziehen, Veränderung bewirken. Gemeinsam.

Hayirli cumalar. #Weltfrauentag
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„Und damals sprachen die Engel: „O Maria, siehe, Allah hat dich auserwählt und gereinigt und erwählt vor den Frauen der Welten.“ – Koran, 3:42
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Ein Kommentar zu “Allah’s Kampf gegen das Patriarchat

  1. deingruenerdaumen
    8. März 2019

    Ihr Blog ist Licht in der dunklen Nacht des Islam und den Frauen. Ich freue mich von Ihnen zu lesen und wünsche Ihnen viel Kraft und Stehvermögen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. März 2019 von in Allgemein.

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