betül ulusoy

Vor Allah sind Mann und Frau gleich. Aber Männer sind gleicher.

„Der Frau darfst du es dem Knüppel auf dem Rücken und dem Kind im Bauch nicht fehlen lassen. So hat sie keine Gelegenheit, sich aufzurichten und sich zu widersetzen“, sagt er.

Sie schweigt und denkt still bei sich: „Dieses Leben ist Gottes Prüfung für mich.“

„Eine Frau sollte nicht arbeiten. Ihre finanzielle Unabhängigkeit zerrüttet die Familie, denn sie stellt dann Ansprüche, begnügt sich nicht mehr mit dem, was ihr Mann ihr bringt, wird aufmüpfig und sieht nicht mehr zum ihm auf. Abhängigkeit bringt Frieden ins Haus“, sagt er.

Sie schweigt und denkt still bei sich: „Dieses Leben ist Gottes Prüfung für mich.“

„Natürlich sind vor Gott Männer und Frauen gleich. Gleich bedeutet aber nicht, dass sie die gleichen Rechte in dieser Welt hat, sondern dass ihren Gottesdiensten der gleiche Lohn im Jenseits beigemessen wird. Ihr Gebet zählt gleich dem Gebet eines Mannes. Sie soll es aber zu Hause verrichten. Das ist besser für sie. Der beste Ort für die Frau ist ihr Zuhause.“, sagt er.

Sie schweigt und denkt still bei sich: „Dieses Leben ist Gottes Prüfung für mich.“

Hat er denn nicht gelesen, gelesen im Koran, die Geschichte von Aws bin Sabit, der seine Frau erst mittellos auf die Straße setzte und dann doch wieder zurück wollte. Kennt er ihn nicht? Kennt er die Strafe nicht, die Gott ihm daraufhin auferlegte?

Und denjenigen, die ihren Ehefrauen Zihar aussprechen, dann zurücknehmen, was sie sagten, gilt (als Sühne) die Befreiung eines Unfreien, bevor beide sich (wieder) intim berühren (dürfen). Damit werdet ihr ermahnt. Und Allah ist dessen, was ihr tut, allkundig.“ (Koran, 58:3)

Erkannte er denn nicht die Weisheit hinter dieser Sühne? Die Befreiung eines Unfreien. Du, der du ihr all die Jahre beigewohnt hast, hast sie, die dir Kinder gebar, für dich kochte, putze, den Haushalt machte, benutzt wie eine Sklavin, um sie dann vor die Tür zu setzen, als du genug hattest. Durch die tatsächliche Befreiung eines Unfreien, führt dir nun Gott vor Augen: du hast deiner Frau die Würde genommen, sie ihrer Freiheit beraubt, sie versklavt. Indem du nun in der Realität einem anderen Menschen zur Freiheit verhelfen musst, soll dir auch dein Umgang mit deiner Frau bewusst werden, bewusst, dass du sie behandelt hast, wie deine Sklavin, bewusst, dass ihre Sklaverei aufhören muss. Und ist dir denn nicht bewusst, dass Gott dessen, was du tust, allkundig ist?

Hat sie denn nicht gelesen, gelesen im Koran, die Geschichte von Hawla bint Salaba, die von ihrem Mann mittellos auf die Straße gesetzt wurde und nicht den leichten Weg ging, als er sie doch wieder zurück wollte.  Kennt sie sie nicht? Hat sie denn nicht gehört von Hawla, der Frau, die nach ihrem Recht suchte? Die zu ihrem Mann sagte, er möge erst zum Propheten Muhammed (s.a.v.) gehen und ihn um eine Einschätzung ihrer Situation bitten, bevor sie bereit wäre, wieder mit ihm nach Hause zurückzukehren. Die selbst zum Propheten (s.a.v.) ging, als ihr Mann das aus Scham ablehnte. Der Frau, die vom Propheten (s.a.v.) forderte, er möge die Ungerechtigkeit verurteilen, die ihr angetan worden war. Die auf ihrem Verlangen bestand, mit Nachdruck, als der Prophet (s.a.v.) ihr nicht zu helfen vermochte. Der Frau, die daraufhin vor dem Propheten Muhammed (s.a.v.) ihre Hände gen Himmel erhob und nun Gott direkt ansprach, Ihn anflehte, ihr Recht zu geben. Der Frau, die Gott erhörte!

Bereits hörte Allah die Äußerung derjenigen, die mit dir [dem Propheten Muhammed (s.a.v.)] wegen ihres Ehemannes disputierte und sich vor Allah beklagte, und Allah hörte euren Dialog. Gewiss, ALLAH ist Allhörend, Allsehend.“ (Koran, 58:1)

Hawla hat sich nicht mit ihrer Situation zufrieden gegeben. Sie ist nicht den Launen ihres Mannes gefolgt. Sie hat selbst nach ihrem Recht gesucht, beim Propheten (s.a.v.), bei Gott. Und sie wurde dafür nicht verurteilt, nicht verteufelt, nicht zum Schweigen gebracht. Sondern sie wurde von Gott gehört, Gott hat für sie Recht gesprochen, sie von ihrer Versklavung befreit.

Habt ihr denn nicht erkannt, dass weder Aws, noch Hawla im Koran namentlich Erwähnung finden? Denn sie sind keine Einzelfälle und Gott spricht hier nicht zu ihnen allein. Denn das ist ein Modell für all die Männer, die Frauen auf unterschiedlichste Weise versklaven, für all die Frauen, die auf unterschiedlichste Weise missbraucht werden und Gott spricht hier zu all ihnen, zu uns allen.

Nein. Das ist keine Prüfung, die dir Gott auferlegt. Gott will nicht, dass du duldsam bist, das, was du Leben nennst, aushältst, durchstehst, weil am Ende als Belohnung dafür ein Paradies auf dich wartet. Gott will, dass du kämpfst, nach deinem Recht suchst, dich befreist, nicht dem Irrtum unterliegst, dass du abhängig bist von ihm. Nicht umsonst schließt Gott an die Verse über die Scheidung an:

„… und dem, der Allah fürchtet, verschafft Er einen Ausweg und versorgt ihn in  der Art und Weise, mit der er nicht rechnet. Und wer auf Allah vertraut – für den ist Er sein Genüge…“ (Koran, 65:2-3).

Wozu hat Gott Frauenmodelle im Koran für uns festgehalten, wenn wir doch nur gesellschaftlichen Konventionen, Traditionen, Zwängen folgen und nicht dem Willen Gottes?

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Dieser Text möchte dazu beitragen, unterdrückten Frauen die fälschlicherweise oft angeführte religiöse Legitimation für die Hinnahme ihre Situation zu nehmen. (Anonyme) Unterstützung erhalten alle Frauen in Not u.a. beim muslimuschen Seelsorgetelefon: 030 443 509 821

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Mai 2020 von in Allgemein.

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