betül ulusoy

Wie nennt Seehofer eigentlich seinen Joghurt? – Deutsche Wörter mit Migrationshintergrund

Alle Jahre wieder – ne, kommt nicht das Christuskind, sondern wird die Diskussion neu entfacht, wo es überall eine Deutschpflicht geben müsse: Im Supermarkt, auf dem Schulhof, im privaten Wohnzimmer. Man kann fast die Uhr danach stellen. Ich finde das mittlerweile todlangweilig.

Sehr viel interessanter als die Debatte, ob Migranten zu Hause Deutsch sprechen sollten, finde ich die Frage, welchen Migrationshintergrund die deutsche Sprache eigentlich hat.

Wenn wir morgens fröhlich unseren Kaffee mit Zucker aus unserer Tasse schlürfen, gemütlich zum Kiosk schlendern, mittags unseren Joghurt essen, auf der Arbeit am Rechner mit Algebra und Algorithmen hantieren, auf dem nach Hause Weg im Radio Gitarre hören, anhalten, um Benzin zu tanken oder einen Scheck bei der Bank einzulösen, bei dieser Gelegenheit noch Tulpen für die Liebste besorgen, uns daheim endlich auf unserem Sofa niederlassen und vielleicht noch eine Limonade trinken, Marzipan essen oder Schach spielen, nachts aber auf jeden Fall auf unserer Matratze ruhen – ist uns dann eigentlich bewusst, wie viele Wörter aus dem Arabischen, Persischen oder Osmanisch-Türkischen wir benutzt haben, obwohl wir Migranten eigentlich ganz doof finden? Wie nennt Horst Seehofer eigentlich seinen Joghurt?

Ich nenne sie „Wörter mit Migrationshintergrund“. Sie gehören mittlerweile so selbstverständlich zur deutschen Sprache, wie auch die Menschen mit Migrationshintergrund zu Deutschland gehören. Sie zeigen uns, wie nah uns vermeintlich Fremdes ist, wie eng verwoben wir sind, wie untrennbar. Und sie lehren uns Wertschätzung. Was wäre unsere Sprache heute nur für ein Krüppel, wenn wir all diese Wörter in ihre Herkunftsländer zurück schicken würden. Oder sie in die Wohnzimmer verbannen. Wir brauchen sie, die Wörter mit Migrationshintergrund, damit unsere deutsche Sprache das ist, was sie ist. Sonst wäre sie ganz schön unvollkommen.

Darum: #YallaCSU

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Nachtrag

Welchen Beitrag arabische, persische und türkisch-osmanische Gelehrte zur deutschen Kultur geleistet haben, nicht nur im sprachlichen, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich, ist Teil meiner Arbeit im Rahmen des JUMA-Projekts. Die Ergebnisse sind Gegenstand eines ganztägigen Schulworkshops in neunten Klassen an Berliner Schulen. //

Dieser Beitrag beschäftigt sich nicht mit der aktuellen Debatte um Mehrsprachigkeit oder einer anderen Muttersprache als Deutsch. Sie nimmt diese Debatte lediglich zum Anlass für diesen Eintrag. Wer sich über dieses Thema umfassend informieren möchte, dem sei der Mediendienst Integration empfohlen: http://mediendienst-integration.de/integration/sprache.html

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Ein Kommentar zu “Wie nennt Seehofer eigentlich seinen Joghurt? – Deutsche Wörter mit Migrationshintergrund

  1. menschistmenschprojekt
    8. Dezember 2014

    Hat dies auf Mensch ist Mensch. Das ist alles, was zählt! rebloggt und kommentierte:
    Ein weiterer wunderbarer Text über die deutsche Sprache sowie die Herkunft alltäglicher Begriffe. Wollen wir hoffen, dass Texte wie dieser die CSU wachrütteln. #YallaCSU

    Gefällt mir

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Dezember 2014 von in Allgemein.
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