betül ulusoy

„Ich bin als Muslimin in der Verantwortung“

Terroristen berufen sich immer wieder auf den Islam. Die Juristin und Bloggerin Betül Ulusoy wehrt sich dagegen. Im heute.de-Interview spricht sie über Gewaltprävention, nötige staatliche Hilfe, Angriffe auf Muslime und Solidarität.

heute.de: Sie sagen, dass Sie als Muslimin häufig mit Terroristen, die sich auf den Islam berufen, in einen Topf geworfen werden, und es sei jetzt an Ihnen, „diese falsche Verbindung wieder zu durchtrennen“. Was meinen Sie damit?

Betül Ulusoy: Ich beziehe mich da auf Distanzierungsforderungen, die nach jedem Terrorakt an Muslime herangetragen werden. Wenn ich aber aufgefordert werde, mich zu distanzieren, wird gleichzeitig impliziert, dass ich vorher ein Zugehörigkeitsgefühl zu den Terroristen hatte. Das ist absurd. Als Muslimin gehöre ich nicht zu dieser Tätergruppe. Die große Mehrheit der Muslime hat mit diesen Terroristen genauso wenig zu tun wie Tante Emma oder Onkel Horst. Dennoch legitimieren die Täter ihre Taten mit dem Islam. Ich bin also als Muslimin in der Verantwortung. Darum: Distanzierung nein, Aufklärung und Prävention sehr wohl.

heute.de: Kanzlerin Merkel forderte vor wenigen Tagen, der Islam müsse sein Verhältnis zu religiösen Extremisten klären. Wie haben Sie das aufgenommen?

Ulusoy: Ich muss schmunzeln, wenn Forderungen an „den“ Islam gestellt werden. Als Muslimin ist für mich Fakt, dass der Islam sein Verhältnis zu Extremisten bereits vor 1.400 Jahren geklärt hat, nämlich als er entstand. Häufig wird der Prophet mit den Worten zitiert „Geht den Weg der Mitte“. Das heißt: Seid nicht extrem! Das ist vorbildhaft. Nach den Anschlägen von Paris haben sich weltweit muslimische Gelehrte zusammengeschlossen und gemeinsam ausgedrückt, dass sich die Terroristen nicht auf den Islam berufen können.

heute.de: Mit welchen Mitteln kann der Rechtsstaat Ihrer Ansicht als Juristin nach „Hasspredigern“ und religiösen Gewalttätern Einhalt gebieten?

Ulusoy: Das ist eine komplexe Frage, auf die es nicht nur eine einfache Antwort gibt. Ich denke, dass hier viele gesellschaftliche Gruppen zusammenarbeiten müssen – Sozialarbeiter, Polizei und natürlich auch Vertreter religiöser Einrichtungen. Authentische Vorbilder in den Moscheegemeinden müssen den Irregeleiteten sagen, dass ihr Verständnis nichts mit muslimischem Glauben zu tun hat.

heute.de: Wie erleben Sie das in ihrer Gemeinde?

Ulusoy: Moscheearbeit ist quasi auch immer Präventionsarbeit. Im Dezember gab es eine Fachtagung zum Thema Extremismus. Es gibt auch eine gute Zusammenarbeit mit der Polizei. Wir arbeiten an einer Beratungsstelle für Eltern, die besorgt sind, dass ihre Kinder abdriften. Ich sehe aber auch, wo ehrenamtliches Engagement an seine Grenzen stößt. Anders als andere Religionsgemeinschaften müssen wir Muslime alles allein schultern. Dabei wären Investitionen des Rechtsstaats in professionelle Präventionsarbeit der Gemeinden sinnvoll.

heute.de: Welche Atmosphäre spüren Sie aktuell in Ihrer Gemeinde?

Ulusoy: Das ist sehr gemischt. Ein Teil der Gemeinde fühlt sich zu Unrecht in Verbindung gesetzt mit den Terroristen. Diese Leute haben ihre alltäglichen Aufgaben und Sorgen, wollen in Ruhe leben wie alle anderen Bürger auch und nicht wie Aliens behandelt werden. Andere Gemeindemitglieder fühlen sich dagegen angespornt zu noch mehr Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Beide Gruppen eint aber ein Gefühl – das der Angst! Die Moschee ist in der Vergangenheit immer wieder zum Ziel von Anschlägen geworden, etwa durch Brandsätze. Dazu kamen Hakenkreuzschmierereien. Oder die Täter haben Schweinsköpfe in den Hof geworfen. Ich habe Freundinnen, die auf offener Straße angegriffen und verprügelt worden sind, sogar schwangere Frauen. Nach solchen Taten wie in Paris steigt bei uns die Angst vor weiteren Übergriffen.

heute.de: Sind Sie persönlich auch Aggressionen ausgeliefert gewesen?

Ulusoy: Natürlich habe auch ich meine Erfahrungen damit gemacht. Nach den Anschlägen von Paris habe ich aber auch das Gefühl, dass die Leute in der U-Bahn zum Beispiel versuchen, Blickkontakt aufzunehmen. Sie schauen freundlich. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich glaube, dass gerade jetzt viele Menschen signalisieren wollen: Wir verurteilen euch nicht. Wir können sehr wohl differenzieren zwischen Muslimen und Extremisten. Wir halten zusammen. Freunde haben in den vergangenen Tagen von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Das macht mich als muslimische Bürgerin stolz und dankbar.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Das Interview erschien am 17. Januar 2015 auf ZDF heute.de.

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Ein Kommentar zu “„Ich bin als Muslimin in der Verantwortung“

  1. Eckhardt Kiwitt
    23. Januar 2015

    Man kann niemanden in Sippenhaftung nehmen für etwas, das andere angestellt haben.

    Andererseits plädiere ich für Aufrichtigkeit im Umgang auch mit den unangenehmen Aspekten des Islams — wobei ein Blick in Sozialgefüge, in denen islamische Gesetze gelten, ein Blick in Länder, in denen Islam Staatsreligion ist, sehr hilfreich sein kann.
    Für die dortigen Gegebenheiten braucht sich niemand zu rechtfertigen, der sie nicht verursacht hat; es nützt aber auch nichts, diese Gegebenheiten auszublenden, zu leugnen oder totzuschweigen.
    Damit würde man sich nur unglaubwürdig machen.
    Denn islamische Gesetze haben etwas mit (dem) Islam zu tun, und Islam als Staatsreligion ebenfalls.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Januar 2015 von in Allgemein.
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