betül ulusoy

30.000 € Strafe an Türken

Vor einem Jahr heiratet meine beste Freundin und sucht nach einer passenden Wohnung für die junge Liebe. Gemeinsam besichtigt das Paar eine Maisonette Wohnung. Sie ist perfekt. Am nächsten Tag ruft ihr Mann beim Vermieter an und möchte wissen, wann der Mietvertrag unterzeichnet werden kann. „Es tut uns leid“, sagt dieser, „Wir können Ihnen die Wohnung nicht vermieten. Ihre Frau trägt ein Kopftuch. Wir wollen nicht, dass Konflikte mit Nachbarn entstehen.“

Sie ist Türkin und interessiert sich für eine Wohnung. Sie ruft bei der Wohnungsgesellschaft an und fragt nach einem Besichtigungstermin. Beiläufig fragt sie nach dem Mietrpreis: „So hoch kann er in dieser Gegend ohnehin nicht sein“, denkt sie und ist schockiert, als sie am anderen Ende der Leitung die Antwort hört. Das kann sie sich niemals leisten, die Wohnung kommt für sie nicht in Frage.

Dann wird sie skeptisch. Ihr Mann ist Deutscher. Nun soll er anrufen, mit seinem deutschen Namen die selbe Wohnung anfragen. Er tut es. „Da wird sich an dem Mietpreis schon nichts ändern“, denkt er, ist aber ein wenig unsicher, dann schockiert, als er am anderen Ende der Leitung die Antwort hört. Die Wohnung kostet nun nur noch die Hälfte.

Bei einem Kaffee-Klatsch plaudern alle aus dem Nähkästchen und erzählen von ihren Tricks bei der Wohnungsanmietung. „Ich“, erzählt eine, „schicke immer nur meinen Mann zu Wohnungsbesichtigungen. Vor der Unterzeichnung des Mietvertrages bekommen die Vermieter mich und mein Kopftuch nicht zu sehen!“ „Aber dann kannst du eine Wohnung, die du anmietest, ja nie vorher sehen?“, fragt die andere. „Mein Mann muss mir eben alles ganz genau erzählen und Fotos machen. Besser als keine Wohnung zu bekommen!“ Jemand anderes berichtet, dass sie immer deutsche Kolleginnen bei Vermietern anrufen lässt. „Wisst ihr“, sagt eine, die vorher ganz still war, „ich hatte mich mal in eine Wohnung verliebt, aber nicht bekommen. Dem Vormieter hat der Eigentümer gesagt, sie würden keine Türken im Haus wollen. Ich fahre oft an dieser Wohnung vorbei und auch nach so vielen Jahren, tut mir das noch weh.“

Jetzt lese ich von einem Urteil des Amtsgericht Kreuzberg-Köpenick. Das ist Genugtuung, das ist Gerechtigkeit für all die „Türken“, „Araber“, „Schwarzen“ und „Kopftuchfrauen“, denke ich. Und ich bin stolz, mächtig stolz auf meine Justiz, die ein wunderbares, starkes Zeichen setzen wollte und es nicht bei einem Lippenbekenntnissen beließ. Das Gericht verurteilte einen Vermieter zur Zahlung von 30.000 € an eine Familie mit türkischer Migrationsgeschichte. Der Vermieter hatte die Familie abgelehnt, weil sie als Türken nicht in ihr Miet- und Wohnkonzept passen würden. Dadurch, so das Gericht, entstehe

„der Eindruck, die Beklagte fürchte durch Mieter türkisch-orientalischer Herkunft bzw. arabischer Herkunft eine Abwertung der Wohnanlage, die durch Mieter europäischer Herkunft nicht zu befürchten sei. Die damit vermittelte krasse Abwertung, Ausgrenzung und massive Ungerechtigkeit greift als erheblich verletzend in den Kernbereich des klägerischen Persönlichkeitsrechts ein.“

Die Höhe der Entschädigung begründete das Gericht damit, dass Diskriminierungen „abschreckend sanktioniert“ werden müssten. Eine wegweisende Entscheidung im Antidiskriminierungsrecht, mit hoffentlich nachhaltiger und positiver Wirkung. Tolle Sache. Danke!

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7 Kommentare zu “30.000 € Strafe an Türken

  1. Fatih Aslan
    15. Januar 2015

    Genau das selbe Problem habe ich auch, ich möchte seit Jahren mir und meiner Familie einen Einfamilienhaus kaufen das in einer ruhigeren Gegend liegt.

    Wir besichtigen die Häuser, möchten es gerne reservieren um die Finanzierung zu klären, und jedes mal sagt man uns das eine Reservierung nicht machbar wäre weil es mehrere Interessenten gibt und das unfähr wäre gegen über den anderen.

    Ok verstehen wir auch,und siehe da, ein Tag später Haus reserviert von jemand anderen und drauf folgend verkauft.

    Ich verstehe das nicht , ich bin hier geboren, hier groß geworden, habe die deutsche Staatsbürgerschaft, Arbeite, zahle Steuern, was muss ich noch tun damit ich hier anerkannt werde?

    Ich möchte doch nur ein Haus, mit Garten,in einer ruhigen Lage für meine Kinder.

    Was soll das!?

    Warum wird mir das verwehrt.

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  2. ayse
    16. Januar 2015

    Ist mir auch mal passiert. Ich hatte ’ne günstige Wohnung gefunden und wollte es mieten. Die Vermieterin hat mich extra gefragt woher ich komme. Am Telefon hat sie anfangs nicht gesagt, aber ein Tag vor der Besichtigung habe ich eine Nachricht erhalten, dass die Wohnung schon vergeben war. Ich hab’s dann meine Freundin versuchen lassen. Ein und dasselbe passiert.

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  3. Steven Burger
    17. Januar 2015

    Bitte nochmals prüfen, da es kein Amtgericht Kreuzberg-Köpenick gibt!
    Es gibt Kreuzberg-Tempelhof und Köpenick, aber keinen mix daraus!
    Auch wenn ich solch ein verhalten von Vermietern nicht gutheiße trübt allein schon solch ein Fehler den Wahrheitsgehalt des Inhaltes.

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    • Betül Ulusoy
      17. Januar 2015

      Lieber Steven,

      vielen Dank für diesen Hinweis!

      Es muss natürlich AG Tempelhof-Kreuzberg heißen. Ich habe das jetzt korrigiert.

      Übrigens ist auf die Pressemitteilung des KG verlinkt, wo sich auch der Link zum Urteil befindet, aus dem zitiert wurde. Der Fall lässt sich also wunderbar nachlesen.

      Herzlichen Dank & viele Grüße

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  4. (UɐɹɟʇɐʞıuU)².
    18. Januar 2015

    Wir sind damals aus genau solchen Gründen in eine andere Stadt gezogen.

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  5. ws
    26. März 2015

    Aus der Urteilsbegründung:
    „“der Eindruck, die Beklagte fürchte durch Mieter türkisch-orientalischer Herkunft bzw. arabischer Herkunft eine Abwertung der Wohnanlage, die durch Mieter europäischer Herkunft nicht zu befürchten sei. Die damit vermittelte krasse Abwertung, Ausgrenzung und massive Ungerechtigkeit greift als erheblich verletzend in den Kernbereich des klägerischen Persönlichkeitsrechts ein.”

    Das Gericht stellt nicht fest, dass die befürchtete Abwertung der Wohnanlage (konkret: ein finanzieller Verlust) unbegründet ist.

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  6. Alfred Tetzlaff
    1. April 2015

    In Zukunft werden sich vermieter eben schlauere Absageausreden ausdenken. Und die Strafe zahlen die Mieter , immer.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Januar 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , .
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