betül ulusoy

Juhu, ein Konvertit!

Man spürt, dass etwas in der Luft liegt, sobald man den Hof der Moschee betritt. Jedes mal, wenn es wieder passiert. Mindestens eine Teenagerin rennt dann immer wie ein wildes Huhn umher und verkündet die frohe Botschaft: “OMG – Da ist ein Junge, der Muslim werden möchte! Er wird heute Abend konvertieren! Ich habe so etwas noch nie erlebt! OMG, wie cool!” Ein paar Leute bekommen Tränen in die Augen, alle sind berührt und freuen sich, dass noch ein Bruder oder eine Schwester in ihre Gemeinschaft gefunden hat.

Ich kann mich kaum mit freuen. Stattdessen beobachte ich das Geschehen, zwar räumlich mitten drin, doch emotional so fern. Ich verstehe generell nicht so ganz, warum man sich derart freuen muss. Vor allem aber stelle ich mir bei dem Schauspiel unaufhörlich die Frage, wie es denn eigentlich weiter gehen soll?

Der Konvertit an diesem Abend wird von allen umarmt, begrüßt, beglückwünscht. “Willkommen Bruder!”, wird ihm von überall zugerufen. Er ist der Mittelpunkt, die Krönung des Tages. Aber dann? Wer kümmert sich morgen um ihn, wer übermorgen und in einer Woche? Kaum jemand. Nach diesem Höhepunkt und der ersten, aufregenden, schönen Zeit fallen darum viele von ihnen in ein tiefes Loch. Ich habe das schon oft erlebt. Viele mussten ihren alten Freunden den Rücken kehren, einige wurden von ihren Familien verstoßen. Sie hatten kein Verständnis dafür, dass ihr Kind sich für diesen Weg entschied. Manchmal sind sie auch schlicht überfordert. Wer jetzt keinen Anschluss in der neuen Gemeinschaft findet, ist ganz allein. Ganz allein den Islam lernen und leben ist fast unmöglich. Wir sind alle auf die Unterstützung und den Halt unserer Familien, Freunde und Gemeinde angewiesen. Konvertiten erst recht.

Gemeinschaft. Muslimen wird häufig Gastfreundschaft und Herzlichkeit nachgesagt. Gemeinschaft wird bei uns groß geschrieben. Ich frage mich, ob das noch stimmt oder ob wir nicht immer mehr danach aus sind, allein das zu tun was für uns bequem ist und was uns Spaß macht. Wer uns mehr Arbeit als Freude bereitet, für den haben wir keine Zeit. Kann das Nächstenliebe und Gemeinschaft bedeuten?

Wieder ist ein Bruder konvertiert. Ich kenne ihn und möchte, dass er es ein wenig leichter hat. In seiner Familie hat er es sehr schwer. Die Mutter, streng katholisch, hat bestürzt Termine in der Kirche vereinbart und ihren Sohn dazu verdonnert, regelmäßig mit dem Pfarrer über den Islam zu sprechen. Sie üben beide enorm viel Druck auf ihn aus. Es zermürbt ihn. Er braucht Abwechslung, jemanden, der ihm Fragen beantworten kann, aber auch einfach nur eine Cola mit ihm trinken geht. Ich rufe ein paar Freunde und auch Freundinnen an, die Brüder haben. Ich möchte fragen, ob sie sich ein wenig seiner annehmen können. Wir quatschen eine ganze Weile, verabreden uns fürs Kino. Dann komme ich auf das eigentlich Thema zu sprechen, erzähle kurz von meinem Freund und frage, ob nicht jemand Zeit hat, sich ein wenig um ihn zu kümmern. Sehr plötzlich wird es still am anderen Ende der Leitung und man fängt an zu stottern. Klausuren müsse man schreiben, Termine hätte man ganz viele und in die Familie sei man gerade auch stark eingebunden. Für das Kino hatte die Zeit gereicht. Das macht auch Spaß. Jemand anderem zu Helfen bereitet uns anscheinend keinen Spaß mehr.

So ist das in ganz vielen Bereichen. In der Familie, auf Arbeit, in der Nachbarschaft. Freunde, Familie und Bekannte haben alle ein Anrecht auf einen Teil unserer Zeit. Ghazali schreibt wunderschön darüber. Wir aber sind einfach zu Ich-bezogen, als dass wir unsere Pflichten erfüllen wollen. Ein Freund, dem es nicht gut geht, hat plötzlich sehr viel weniger Menschen um sich herum, mit denen er seine Sorgen teilen kann. Konvertiten reihen sich nur unter all die Menschen ein, um die wir uns kümmern sollten, aber nicht kümmern wollen.

Also, was geschieht nun mit ihnen? Was folgt nach unserer großen Freude und der ersten Aufregung? Sind wir nur da, in der ersten, schönen Stunde oder sind wir auch darüber hinaus bereit, unseren Soll zu erfüllen? Wer sich so freut, sollte auch mehr tun wollen. Am Schönsten ist, wenn uns bewusst wird, dass Helfen keine Last ist, sondern große Freude bereiten kann. Vor allem: Dass wir in den allermeisten Fällen mehr erhalten, als wir geben. Lasst uns doch also gemeinsam mehr Freude erfahren.

“Wahrlich, Nächstenliebe bringt Reichtum für den, der diese Eigenschaft inne hat. So sei barmherzig, und Allah wird dich segnen.”

– Prophet Muhammad (s.a.v.)

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26 Kommentare zu “Juhu, ein Konvertit!

  1. Emine Cengiz
    1. März 2015

    Wiedermal ein hervorragender Text 👍. Ich lese gerne deine Texte! Hochachtung!

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  2. Nuriyya
    1. März 2015

    As-Salamu alaykum,

    ein sehr guter und treffender Text!

    Ich bin selbst konvertierte und auch mir erging es so. Viele Glückwunsche und dann, ja dann stand ich da..alleine.

    Ich habe dann irgendwann einen Blog gestartet um Schwestern zu finden. Alhamdulilah hat es geklappt und seit dem werden es immer mehr. Alle von unterschiedlichen Richtungen in Deutschland, aber zum Glück gibt es die sozialen Medien.

    Doch ja, ich war auch allein, fast schon einsam mit diesem unbeschreiblichen Gefühl in mir, dem Durst nach Wissen und dann ist da niemand, mit dem man darüber sprechen kann.

    Das ist schwer. Auch wenn viele meinen, dass das doch nicht so wäre. Du sagst es klar und deutlich: Es ist so.

    Dazu kommt jetzt allerdings oft die von mir als „Haram-Polizei“ benannten Schwestern. Sie machen mir das Leben dann oft nicht leichter und erst recht nicht meinen Glauben. Da muss man sich ein starkes Fell wachsen lassen 🙂

    Falls Du eine Schwester hast, die einmal Hilfe braucht, kann sie sich gerne an mich wenden. In shaa allah finden wir dann auch gemeinsam eine Schwester in ihrer Nähe.

    Wa alaykumus Salam.
    Nuriyya

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  3. Silvia
    1. März 2015

    Danke für diesen Text! Ich habe gerade heute mit einigen Freundinnen darüber geprochen. Die Konvertiten machen oft viele Prüfungen durch und leider gehören ihre Geschwister im neuen Glauben auch dazu.

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  4. Semih Abdul Samet
    2. März 2015

    Das geschriebene Phänomen ist denke ich allseits bekannt. Es ist nicht nur im Umgang mit Konvertiten so , sondern auch in Freundschaften immer öfter Gang und gebe.
    Meines Erachtens liegt es daran, dass der Islam nicht wirklich verinnerlicht wurde.
    I. Gazalli schreibt sehr viel in bezug auf die Innerlichkeit des Muslim, welches sehr wichtig ist bei der Entwicklung der islamischen Persönlichkeit.
    Genau darauf kommt es. Einen Charakter zu besitzen, wie beispielsweise unserem Propheten sav. Oder die Rechtgeleiten Kalifen. Alle haben besondere Persönlichkeiten gehabt und waren jederzeit selbstlos.
    Ihr Leben beinhaltet viele Lehren zum Umsetzen. Nur so kann eine Entwicklung stattfinden.
    Man sollte mehr mit dem Herzen sehen als mit den Augen.

    Vesselâm

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  5. Milka
    2. März 2015

    Liebe Betuel, danke für diesen Text. Bisher dachte ich immer, dass das ein Problem bei uns Christen wäre. Dass wir Konvertiten nicht mit der Nächstenliebe begegnen, wie wir es eigentlich sollten. Dass unsere Freude mit dem nächsten Sonnenaufgang verebbt. Neuer Tag, neues Thema. Ich dachte immer, dass es bei Muslimen anders wäre, dass die Konvertiten es bei euch leichter hätten, familiärer und inniger. Scheinbar müssen wir alle an unserer Aufrichtigkeit und unserer Liebe für den Nächsten arbeiten, bzw. uns daruf besinnen.

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  6. M
    3. März 2015

    Ich empfehle dasselbe zu tun, wie damals der Prophet (sallaAllahu alaihi wa sallam), als die Muslime aus Mekka nach Medina kamen. Er teilte jeden Mekkaner einem Ansar zu und schloss „Bruderschaft“ zwischen den beiden betroffenen Personen. Denn die Mekkaner hatten nach ihrer Hijra in Medina weder ein Heim, noch Arbeit, noch Besitz oder Familie. Ein Ansar kümmerte sich so speziell um (s)einen Mekkaner, gab ihm Halt und Unterschlupf usw.. Man sollte überlegen entsprechende Patenprogramme in den Gemeinden der Moscheen einzuführen.

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  7. ayhanakcin
    15. März 2015

    Schöner Text aus einer Feder. Bin auch der Meinung das wir zu ich bezogen sind. Wenn es um ein Wohlgefühl geht dann kennen wir fast gar nichts. Obwohl wir Vernünftiger seinen sollten und dem gegenüber Gewehren sollte statt unserem Ego.
    Nichts desto trotz möchte ich auf den Begriff Konvertierte eingehen. Da gefällt mir der Begriff Revidiert besser. Da Alle Menschen als Muslime geboren werden.

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  8. Horst Dieter
    15. März 2015

    Ich frage euch, ob ihr euch genau so freut, wenn ein Moslem zum Christentum konvertiert. Ich wette, es gibt da draußen Tausende unter euch, die insgeheim gern Christen, Buddhisten oder Atheisten werden würden, nur trauen sie sich nicht. Und kommt mir nicht mit „keinen Zwang in der Religion“. Eure Religion verbiet den Austritt. Wer sich nicht dran hält,wird mit dem Tode bestraft. Nachzulesen in den Hadithen. Ob ihr das euren Neu-Moslems vorher erzählt?

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    • ayhanakcin
      23. März 2015

      Ja es ist ein Verbot den Islam zu verlassen.
      Aber, es gibt Hadithe, wo es heißt:“ sagt nicht emenne, sondern eslemne“, der Gesandte (f.s.m.I) sprach zu einer Gruppe die das Glaubensbekenntnis aussprachen. Ungefähre Bedeutet: emenne…. glauben, eslemne….akzeptieren.

      Meine Interpretation:
      Auch wenn jemand von Kleinauf durch die Erziehung ein Muslim scheint, kann in der heutigen Zeit es möglich sein, dass dieser immer noch in der eslem-phase hängen geblieben ist. D.h. wer soll den beweisen das dieser überhaupt die emenne-phase erreicht hat.

      Im übrigen ist es so, wen auch immer der Glaube nur einmal berührt, lässt es nie mehr freiwillig los. Es gibt genug freiwillige Muslime, orientieren Sie sich an denen die es sind und bleiben wollen, so Gott will.

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      • ws
        1. April 2015

        Ich will keinen theologischen Diskurs führen, nur soviel: Was ist ein Glaube wert, der auf Zwang basiert (sie bestätigen das ja). Dieser Glaube ist nichts wert – so wie eine unter Druck gemachte Aussage ja auch nicht gerichtsverwertbar ist.

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      • ayhanakcin
        1. April 2015

        Es gibt kein Zwang im Glauben.
        „In der Religion gibt es keinen Zwang (d.h. man kann niemand zum (rechten) Glauben zwingen).“

        – 2:256 (sure 2, aya 256)

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      • ayhanakcin
        1. April 2015

        In meinem Kommentar bezweifle ich aber auch, dass dieser von dem wir meinen den Islam verlassen zu wollen scheint, nie wirklich den Glauben angenommen hat.

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      • ayhanakcin
        1. April 2015

        Ein Moslem darf den Islam nicht verlassen. Einer oder eine die nicht wirklich Glauben, dürfen es.

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  9. ws
    1. April 2015

    Damit sind wir bei den theologischen Detailfragen, die ich vermeiden wollte. Es reichen die rein rechtlichen Aspekte: Darf ein Moslem seinen Glauben verlassen? Meines Wissens steht das in vielen Ländern unter Strafe.

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  10. ws
    1. April 2015

    Ordnung und Sicherheit wird also durch den Religionsaustritt gefährdet? Ich bin vor vier Jahren aus der Kirche ausgetreten. Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wurde dadurch nicht nachhaltig erschüttert.

    Ich übersetze Ihre verklausulierte Antwort auf deutsch: Sie befürworten also die landestypischen Strafen (die ja bis zur Todesstrafe gehen können). Richtig?

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  11. ayhanakcin
    2. April 2015

    Nach der Fragestellung des Kommentator läßt sich rückschließen, dass beide Antwortmöglichkeiten nicht zufriedenstellend seien können. Hoffe es ist verständlich, auch für Sie. Meine Religion verbietet es mir nicht für Recht und Ordnung zu sein. Im Islam Verboten ist auch, gegen Recht und Ordnung zu sein.

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    • ws
      2. April 2015

      Nein, Ihre Antworten sind ganz und gar nicht verständlich. Es ist das übliche orientalische Lavieren. Man muss Sie (leider erfolglos) zu einem verständlichen Satz geradezu zwingen. Sie haben aber nicht widersprochen, insofern ist der Fall klar: Sie befürworten (auch drastischere) Strafen für den Abfall vom Glauben und haben damit einmal mehr bewiesen, daß scheinbar moderner Habitus und Mittelalter im Kopf miteinander vereinbar sind. Man muss sich Sorgen machen in Deutschland.

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      • ayhanakcin
        2. April 2015

        Nein, man muss sich keine sorgen machen in Deutschland. Ich wiederspreche Ihnen schon wieder.

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      • ayhanakcin
        2. April 2015

        Meine Antworten seien unverständlich und dennoch verstanden. Wie dies möglich sei, ist mir ein Rätzel.

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  12. ayhanakcin
    2. April 2015

    Ursache der Unordnung:
    Wir sollten uns lieber sorgen um die Waffenindustrie machen, dass nach Gewinnmaximierung strebt. Nicht nur die in Deutschland. Damit zusammenhängend auch, sollten wir uns sorgen um die Entropie machen, dass die Welt nicht besser macht. Diese stellen viel wichtigere probleme dar, verglichen mit Muslimen.

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    • ws
      2. April 2015

      Da ich gerade nichts besseres zu tun habe, spiele ich Ihr vorhersehbares Spielchen mit: Die deutsche Waffenindustrie spielt international nur eine untergeordnete Rolle, die aktuell verwendeten Waffen im nahen Osten sind häufig aus russischer Produktion, irgendjemand liefert immer. Über Waffenexporte kann man reden, sie sind aber nicht der primäre Grund für die Konflikte im nahen Osten.
      Mit „Entropie“ haben Sie einmal mehr einen kapitalen Bock geschossen: Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene bedeutet Entropie so etwas wie Freiheit und offene Gesellschaft, die Sie also einschränken wollen.

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      • ayhanakcin
        2. April 2015

        Also, wenn das das ist was Sie unter, entropie im zusammenhang der industrie, verstehen, dann bitte schön.

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      • ws
        2. April 2015

        Sie wollen etwas sagen (eher andeuten) und später aber darauf nicht festgelegt werden. Sie übernehmen keine Verantwortung für Ihren Standpunkt – auch symptomatisch. Vernünftig kann nur diskutiert werden, wenn Sie in ganzen Sätzen klipp und klar konkret werden.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. März 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , .
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