betül ulusoy

Schwester, bedecke deine Reize!

Bruder!“ Er fängt ihn gemeinsam mit anderen Brüdern nach dem Gebet im Moschee-Hof ab und sagt vor allen: „Bruder, ich wollte dir mal eine Nasiha (Rat) geben. Es geht um deine Frau. Weißt du, ihr Mantel ist recht kurz, Bruder. Sie soll ihre Reize bedecken. Sie ist ein schlechtes Vorbild für die anderen Schwestern. Sag ihr, sie soll einen Mantel bis zu den Füßen tragen!“ Der Bruder ist ein hochgewachsener, stämmiger und etwas älterer Mann, der beängstigend wirken kann, aber in der Gemeinde für seine Gutmütigkeit, Geduld und Engagement bekannt ist. Er bäumt sich nun dennoch bedrohlich vor ihm auf. Er wird sich diese Anmaßung nicht bieten lassen. Seiner Frau Willen nicht, aber auch aller anderen Schwestern Willen nicht, die selbst entscheiden müssen, wie und wie weit sie Gottes Bekleidungsvorschriften Folge leisten, oder nicht. Männer haben nicht darüber zu bestimmen, ob eine Kleidung angemessen ist, oder nicht. Darum sagt er laut und deutlich: „Wie kannst du es wagen? Wie kannst du dir anmaßen, meine Frau anzustarren?! Belästigst du sie etwa? Wage es nicht, sie noch einmal anzusehen!“ Damit hat er nicht gerechnet. Er wird klein und kleinlaut. Die anderen Brüder um sie herum schmunzeln. Das hat er gut gelöst. Nicht religiös. Sondern als Mann. Ohne Raum für jegliche Diskussion zu lassen.

„Weißt du, was er uns allen geschrieben hat, so zu sagen als Nasiha?“, fragt sie. Wir sind gespannt. „Er meint, wir Schwestern sollen auch im Sommer darauf achten, dass wir Strümpfe an haben, weil er in der Moschee in letzter Zeit Frauen ohne gesehen hat. Füße sind aber auch reizvoll, sagt er.“ Alle Frauen am Tisch reagieren genervt. „Dem kannst du nicht mal sagen: ‚Dann richte deine Blicke gefälligst runter!‘, weil der dann sagt, dass er Füße auch sieht, wenn er die Blicke senkt.“, meint eine und grinst. „Das beste ist“, erzählt sie weiter: „Er zieht selbst immer mega enge Jeans an und ärmellose Tops im Sommer. Aber dann Frauen belehren und komplett einhüllen wollen.“ Mir fällt die Antwort des Bruders ein, der den Mann vor der Moschee zurecht wies: „Eigentlich sollte sich ein anderer Bruder in so einer Situation sofort zu Wort melden und ihn in seine Schranken weisen!“, sage ich. Sie dürfen nicht still bleiben und solche Menschen im glauben lassen, sie täten das Richtige und dürften Moralwächter spielen.

Wir wissen im Grunde doch alle: Den Grad der Gläubigkeit oder Spiritualität eines Menschen oder einer Gemeinde kann man nicht daran fest machen, wie viel Stoff verwendet wird. Wir kennen alle die Schwester ohne Kopftuch, die nie ein Gebet verpasst und deren Gesicht Nur (Licht) ausstrahlt. Und wir kennen alle die Schwester, die verhüllt ist, aber ihre Tage mit Lästern verbringt und es auch sonst nicht so genau mit dem Beten nimmt. Und umgekehrt! Die Bedeckung ist, obwohl äußerlich sichtbar, eine innere, höchst persönliche Entscheidung. Das Aufzwingen von Außen bewirkt darum gar nichts. Was bringt die Einhaltung eines religiösen Gebotes, wenn man es nicht um Gottes Willen tut, sondern weil die Brüder dummes Zeug reden.

Wenn ich zu Nicht-Muslimen sage: „Es geht Sie überhaupt nichts an, warum ich das Kopftuch trage“, dann gilt das gleichfalls auch für „Brüder“: Es geht dich überhaupt nichts an, ob und wie ich mein Tuch trage. Darum zur Abwechselung mal eine ernst gemeinte Ansage: Reiß dich bitte zusammen und kümmere dich um deinen eigenen Kram. Wende deine Blicke von den Schwestern ab und höre auf, sie zu belästigen. Sie wird ihre Nasiha schon von anderen Schwestern oder ihr gut bekannten Brüdern bekommen. Dich braucht sie nicht. Übrigens solltest du deine Nasihas schon gar nicht vor versammelter Mannschaft erteilen. Deine Religiosität hängt nicht am Tuch der Schwestern, sondern an dir selbst:

Einst entschied einer von zwei Brüdern, aufs Land zu ziehen und Hirte zu werden, um sich von weltlichen Ablenkungen fern zu halten und in der Natur besser Gott gedenken zu können. Er verrichtete seine Gebete pünktlich und innig, pries Gott viel und war ein ehrenhafter Mann. Einmal wollte er seinen Bruder in der Stadt besuchen, der Schuster geworden war. Er füllte für seine Reise Milch in einen Sack aus Baumwolle – und es floss kein Tropfen hinaus. Bei seinem Bruder angekommen, stellte er seinen Milchsack hin und begrüßte ihn. Kurze Zeit später betrat eine Frau das Geschäft, zog ihren Schuh aus und gab ihn dem Schuster zur Reparatur. Als der Hirte den nackten Fuß sah, war das für ihn, der er auf dem Land kaum Kontakt zu anderen Menschen gehabt hatte, so ungewohnt, dass es ihn verwirrte. Daraufhin begann die Milch aus dem Sack langsam zu tropfen. „Auf dem Land ist es leicht, gläubig zu sein“, meinte sein Bruder: „Wichtig ist es, seinen Glauben und seine Spiritualität hier in der Stadt zu praktizieren“. Der Hirte gab seinem Bruder Recht und hatte Mitleid mit ihm, weil er durch die Ablenkungen in der Stadt nie würde den Glauben richtig leben und einen hohen spirituellen Status erreichen können, wie es für ihn auf dem Land möglich gewesen war. „Warum?“, fragte der Bruder: „Man kann Gott überall nah sein, wenn man nur seine eigene Reinheit bewahrt“. Er leckte sich einen Finger und berührte den tropfenden Sack. Sofort hörte die Milch wieder auf, zu fließen.

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4 Kommentare zu “Schwester, bedecke deine Reize!

  1. Sade Gönül
    12. April 2015

    Liebe Betül, du schreibst das, was mir in der Seele seit längerem liegt. Ich habe nur immer nach Menschen Ausschau gehalten, die das genauso nervt. Und es ist schön, dass es solche Stimmen auch unter unseren „kopftuchtragenden“ Frauen gibt (Ich trage übrigens auch eines 😉 ) Ich finde, es geht, wenn überhaupt nur die Familie etwas an, wie man sich kleidet. Fremde Männer sollen endlich aufhören, danach zu suchen, welche Schwester sich noch nicht anständig verhüllt hat. Der Anstand soll erst einmal bei sich selbst anfangen!

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  2. ayhanakcin
    12. April 2015

    Ich will auf die Methode der Gefährten des Propheten Muhammed s.a.v.s. zurückkommen, die sich gegenseitig nie kritisiert haben. Wenn sie bei einem Bruder oder Schwester was gesehen haben,
    dass nicht o.k. war, dann haben sie es jemanden anderen sagen lassen, der oder die ihnen nahe standen, statt selbst initiative zu ergriffen.
    Bei Fällen bei der die Gefährten und Freunde des Propheten Muhammed s.a.v.s. etwas gesagt haben und mussten, haben sie es als Frage formuliert. Z.B. Bruder….. Schwester……ich kannte das bei der und der Situation so und so….., sage mir bitte…., stimmt das so wie ich das kannte…… ? Cezekullâhi chayr

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  3. ayhanakcin
    12. April 2015

    Dabei war der Tonfall natürlich entsprechend. Auch wenn es als Frage formuliert wird, wenn nicht der richtige Tonfall getroffen wird, dann kann es der oder die gegenüber als zu persönlich empfinden.

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  4. KP
    9. Mai 2015

    https://stylevisions.wordpress.com/2015/05/09/liebster-award/ Ich habe dich für den Liebster Award nominiert 🙂

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. April 2015 von in Allgemein.
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