betül ulusoy

Wenn Gott vergibt – Was machen Menschen?

Ich finde, es gibt große Wörter auf der Welt. Ein ganz großes Wort ist zum Beispiel Vergebung. Daran muss ich heute viel denken, denn heute ist für viele Muslime die Nacht der Vergebung. Die Nacht also, in der wir von Gott die Vergebung unserer Sünden erhoffen. Erhoffen, weil man sich eben nie ganz sicher sein kann, ob Er wirklich vergibt. Allerdings wohl immer mit der Hoffnung, dass einem Gott vergeben wird, wenn man nur inständig genug darum bittet. Schließlich bezeichnet Allah selbst sich weitaus am häufigsten mit seiner Eigenschaft als den Barmherzigen. „Im Namen Gottes des Allerbarmers, des Allbarmherzigen“, so beginnt Gott nicht nur den Koran, sondern erinnert stets an seine Barmherzigkeit, in dem er diese Formel an den Anfang jeder Sure (außer einer) stellt. Gott ist der Barmherzige, der Allvergebende.

Was mir viel größere Kopfschmerzen bereitet, ist Vergebung durch Menschen.

Einigen Kalifen oder Gelehrten wird nachgesagt, sie hätten gebetet, dass Gott ihre Körper so groß machen solle, dass nur sie allein in die Hölle passen. Will heißen: Sie sind bereit, alle Sünden auf sich zu nehmen und wünschen Vergebung für alle anderen. Ob sie nun tatsächlich so gebetet haben oder nicht: Als Kind hat mich diese Vergebungsbereitschaft und diese Aufopferung doch ziemlich beeindruckt. Dieses Gebet wurde schließlich zwei Männern nachgesagt, die Biografien voller harter Prüfungen und unerträglicher Menschen haben. Hatten sie all jenen, die ihnen unsagbares Leid zugefügt hatten, etwa vergeben? Das fand ich so stark.

Als Kind hat man nun noch nicht so viele Dinge erfahren, die man vergeben könnte. Einmal ging ich darum tatsächlich Kriegsverbrecher, die ich kannte, durch, las nach, was sie getan hatten, überlegte, welche Auswirkungen das auf mich gehabt hatte und horchte in mein Herz, ob ich in der Lage war, selbst ihnen zu vergeben. Das war für mich der größte Maßstab. Wer selbst ihnen vergeben konnte, würde jedem vergeben können. Mein Herz vergab ihnen. Aber ich war auch ein Kind.

Mit dem Erwachsenwerden behielt ich diese Eigenschaft aber unbewusst bei und übte mich in Vergebung. Immer, wenn ich das Gefühl hatte, dass mir etwas doch recht naheging, erinnerte ich mich an das Gebet der Gelehrten und horchte in mein Herz. Wenn es Menschen gab, die so große Vergebung aussprechen konnten, musste auch mein Herz: „Ich vergebe!“, rufen. Das sah ich als meine Pflicht an und sie fiel mir nie besonders schwer. Hauptsächlich, weil ich ohnehin ein vergesslicher Mensch bin. Das handelte mir bei Freunden schon den Spitznamen „Dori“ ein (der blaue Fisch aus Findet Nemo, der an Amnesie leidet) und viele Diskussionen mit Mama, die manchmal ungläubig fragt, wie ich eigentlich noch freundlich mit Menschen umgehen kann, die in der Vergangenheit schlimme Dinge getan haben, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann (oder möchte), selbst dann, wenn sie alle Details wiedergibt. Irgendwann fängt man mit dieser Einstellung an, kein großes Verständnis für Menschen aufbringen zu können, die nicht so einfach vergeben können, vielleicht aber, weil sie einfach viel schwerwiegenderes erlebt haben, als ich. Ich glaube, ich habe einfach noch keine schlimmen Erfahrungen gemacht, die das Vergeben schwer machen könnten (alhamdulillah). So ist es leicht zu sagen: „Vergiss es doch einfach! Sei du doch der größere von euch und vergib, damit auch du selbst damit abschließen und den Ballast abwerfen kannst“. Das Übliche eben. Und dennoch gibt es so viele Beispiele von Menschen, die so unglaubliche Dinge vergeben haben. Menschen, die so unheimlich große Herzen haben.
Dann erlebte ich tatsächlich mal etwas, was mich herausforderte. Eine Sache, die auch für mich das Vergeben schwer machte. Etwas, über das ich nicht nur eine Nacht schlafen musste, damit ich mich beruhigte und etwas, das mich hinterfragen ließ, ob man wirklich immer alles vergeben muss.

Das hat mir Angst gemacht. Es ist eine Sache, wenn andere Menschen nicht vergeben können, aber eine ganz andere, wenn man selbst nicht dazu in der Lage ist. Das empfand ich als einen Verrat an dem kleinen Mädchen, das sich in dem Bewusstsein, dass es auch schwierige Situationen in ihrem Leben geben wird, das Versprechen gab, stets vergeben zu wollen. Nein, man muss nicht immer vergeben, das muss jeder mit sich selbst ausmachen, aber es ist definitiv schön zu vergeben.

Vor allem in einer Nacht, in der wir um Vergebung bitten, wäre es wunderbar, wenn auch wir vergeben würden.
An der Pilgerfahrt liebe ich besonders, dass die Pilger vor Antritt der Reise alle Bekannten noch einmal anrufen oder treffen und um Vergebung bitten, falls sie ihnen jemals Unrecht angetan haben sollten. Sie wollen so ohne Schuld vor Gott treten, den sie dann auf der Pilgerfahrt selbst um Vergebung bitten werden. Auf diese Weise wollen sie frei von Schuld gegenüber Mitmenschen und hoffentlich auch gegenüber Gott, als Neugeborene von der Pilgerreise zurück kommen. Ich wünsche uns allen heute die selbe Leichtigkeit, Schönheit, Liebe und Vergebung, die Pilger nach ihrer Reise verspüren. Mögen heute Abend in der Moschee beim Schulterschluss im Gebet auch unsere Herzen zusammenrücken und möge kein Groll, sondern allein Vergebung in ihnen sein. Mögen wir in dem Moment, in dem sich unsere Hände öffnen und wir Gott um Vergebung anflehen, wir selbst bereits vergeben haben.

Vergesst Dori bitte nicht in euren Gebeten 😉

„Diejenigen, die, wenn sie etwa Schändliches getan oder sich gegen sich selber vergangen haben, Gottes gedenken und um Vergebung für ihre Schuld bitten – und wer könnte Schuld vergeben, außer Gott? – und in dem, was sie begangen haben, nicht verharren, wo es ihnen doch klar ist, deren Lohn besteht in Vergebung von ihrem Herrn und in Gärten (gemeint ist das Paradies), unter denen Bäche fließen, und in denen sie ewig bleiben werden. Welch trefflicher Lohn für die, die so handeln!“

(Qur’an, 3:135-136)

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4 Kommentare zu “Wenn Gott vergibt – Was machen Menschen?

  1. salsabilalmaniya
    4. Juni 2015

    Ich finde dich so wunderbar, habe das auch schon mehrmals geschrieben, aber ich werde nicht müde, das zu wiederholen.

    Du bist so eine kluge, überlegte und sympathische Muslima! Was ich besonders an dir mag, ist, dass deine Offenheit nicht daraus resultiert, dass du deine Religiösität versteckst oder verschweigst, sondern dass sie gerade der Grund für deine Offenheit zu sein scheint. Großartig!

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass du noch sehr viel in dieser Gesellschaft erreichen wirst. Möge Allah deinen Weg segnen und dir die richtigen Türen öffnen.

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    • salsabilalmaniya
      4. Juni 2015

      Ach so, ich wollte noch nach den zwei Männern fragen, die diese Gebete gesprochen haben sollen. Wer waren sie?

      Ich habe ein etwas ungutes Gefühl bei dieser Vorstellung, darum zu beten, dass man so groß ist, dass man die ganze Hölle ausfüllt. Ich empfinde dieses Dua fast als ein bisschen maßlos, so als ob man sich selbst mehr zutraut als dem Rest der Menschheit.

      Oder geht es weniger darum, die Sünden (und damit die Bestrafung) der anderen auf sich zu nehmen, sondern viel mehr darum, den anderen diese Bestrafung ersparen zu wollen?

      Die göttliche Bestrafung wird mir aber nur erspart, wenn ich bereue, oder? Ich denke, das ist die Voraussetzung für Vergebung. Und wenn ich Allah darum bitte, jemandem zu verschonen, der evtl. seine Sünden gar nicht bereut – naja, das widerspricht dann wiederum einigen Eigenschaften Allahs. Oder denke ich hier zu sehr um die Ecke?

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  2. Pars Stein
    15. Juni 2015

    So ein Scheissdreck

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  3. Sahin
    13. Juli 2015

    Du hast diesen Tag so schön erklärt und geschrieben darf ich diesen Text weiter verwenden und den mit meinen Freunden Teilen?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Juni 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
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