betül ulusoy

„Ihr fastet doch gar nicht richtig!“

Ich erzähle vom Ramadan und spreche über die Stärkung oder Wiederbelebung des Bundes zu Gott, über Reinheit und Einkehr, über Gemeinschaft und Mitgefühl, über Dankbarkeit und Verzicht. „Klar“, sagt dann einer in der Moscheeführung, „In der Theorie hört sich das ja schön und gut an. Ich finde aber nicht, dass man von fasten sprechen kann, wenn man nur ein paar Stunden hungrig bleibt, um sich abends bei drei Gängen den Bauch wieder voll zu hauen. So ist das doch tatsächlich bei euch, oder? Das soll Ramadan sein?“. Ja, so ist das tatsächlich bei manchen von uns, muss ich dann gestehen. Vor allem, wenn dieses „uns“ eine anatolische Familie ist, für die es eine Ehrensache ist, seine Gäste ordentlich zu bewirten und das bedeutet vor allem Essen anbieten. Viel Essen.

Solche Einwände höre ich gern. Sie zeigen mir zwei Dinge: Mein Zuhörer hörte mir wirklich zu und beweist Empathiefähigkeit. Er hat verstanden, was das islamische Ideal des Fastens ist, er hat einen Abgleich mit den Muslimen gemacht, die er kennt, festgestellt, dass es eine Divergenz zischen Theorie und Praxis gibt und hinterfragt dieses Verhalten kritisch. Er fragt vor allem weiterhin interessiert, nicht als Vorwurf. So entwickelt man ein Gefühl füreinander. Es zeigt mir aber auch, dass wir Muslime gern vom Ideal und der Schönheit des Islam sprechen und dabei vergessen, dass wir dieses Ideal kaum so leben.

Ständig erzähle ich davon, wie der Ramadan sein sollte. Ist es dann so weit, tappe ich selbst immer wieder in die selben Fallen. Das mit dem vielen Essen ist ein echtes Problem, denn es zerstört tatsächlich den Segen dieses Monats. Der Prophet Muhammad (s.a.v.) empfahl, so viel zu essen, wie man benötigt, um sein Rückgrat aufrecht zu halten, jedenfalls aber seinen Magen nicht mehr als mit 1/3 Essen und 1/3 Wasser zu füllen. In einem Ramadan sprachen wir mit meiner Mama über diese Empfehlung und redeten uns so lange gut zu, bis wir es geschafft hatten, zumindest drei der Gerichte für das Fastenbrechen an diesem Abend von unserer Liste zu streichen, um dem Ideal zumindest ein wenig näher zu kommen. Als die Stunden vergingen, schaute ich unsere Liste erneut an, wir diskutierten weiter und nach und nach kamen alle drei Gerichte wieder hinzu. Die Angst, das Essen würde nicht reichen und unsere Gäste würden hungern müssen, überwog. Ängste haben an sich, dass sie irrational sind. Selbstverständlich war auch unsere Befürchtung völlig abwegig, aber so funktioniert das oft.

Dabei schäme ich mich, wenn ich die Bilder der nach dem Iftar mit vollen Bäuchen neben dem Essen liegender Männer sehe, die gerade wieder als Witz im Netz kursieren. Das Gemecker nach dem Iftar höre, man könne sich mit vollem Magen jetzt unmöglich bücken, um die Spülmaschine einzuräumen. Unsere Augen sind leider oft hungriger, als unser Magen aufnehmen kann. Der Ramadan lehrt mich darum einmal mehr die menschliche Gier. Jeder Fastende hat sich sicher schon einmal hungrig vorgenommen, LKW-Ladungen voller Essen zu verputzen, sobald er wieder essen dürfe – und machte doch die Erfahrung, nach der Vorspeise bereits satt zu sein. Das wäre genau der Punkt, an dem man auch tatsächlich aufhören müsste, weiter zu essen.

Das Fastenbrechen ist wie eine Prüfung nach dem Fasten, der Lehre. Beim Fasten hat uns noch Gott aufgetragen, dass wir nicht essen dürfen. Mit dem Iftar überlässt er uns wieder uns selbst. Jetzt müssen wir beweisen, ob wir uns tatsächlich unter Kontrolle haben und weiterhin gemäßigt essen. Oder doch wieder so viel essen, dass uns jede Bewegung im Taravih Gebet ein Stöhnen entlockt. Eigentlich macht uns dieser Monat auch deutlich: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was wir essen wollen und dem, was unser Körper tatsächlich aufnehmen kann.

Der Ramadan ist für mich darum jedes Jahr wieder eine Rückbesinnung darauf, wie wenig der menschliche Körper eigentlich benötigt. Ernsthaft: Wie unheimlich wenig! Das erstaunt mich immer wieder und das fühlt sich magisch und befreiend an: Zu wissen, wie wenig abhängig wir eigentlich von Essen sind. Wie viel Zeit uns bleibt, wenn sich unser Leben nicht um die nächste Nahrungsaufnahme dreht. Wie klar unser Verstand wird, wenn wir das Fasten – „das richtige“ – bereits einige Tage hinter uns gebracht haben. Diese Erkenntnis, jedes Jahr aufs Neue, ist mit das schönste am Ramadan.

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Ein Kommentar zu “„Ihr fastet doch gar nicht richtig!“

  1. Hans Fejs Buk
    10. Juli 2015

    genau so ist es – und der letzte absatz trifft es genau! genau was ich denke auch viele erfahren:

    „Der Ramadan ist für mich darum jedes Jahr wieder eine Rückbesinnung darauf, wie wenig der menschliche Körper eigentlich benötigt. Ernsthaft: Wie unheimlich wenig! Das erstaunt mich immer wieder und das fühlt sich magisch und befreiend an: Zu wissen, wie wenig abhängig wir eigentlich von Essen sind.“

    es ist und bleibt ein wunder, und wie du schreibst muss man sich halt bewußt werden und einfach langsamer und weniger essen

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Juni 2015 von in Allgemein und getaggt mit , .
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