betül ulusoy

Nach der Trauer um Paris muss der Blick auf uns Muslime selbst folgen

Zwei Kameras sind auf mich gerichtet, das Mikrofon schwebt wie ein Damoklesschwert über mir. Mir gegenüber sitzt der Redakteur, vor ihm ein Artikel über Humor und Islam, das ich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo für „Die Welt“ geschrieben hatte. Das ist auch jetzt das Thema, Humor und Islam und natürlich auch Charlie Hebdo.

„Er hat euch bereits in dem Buch offenbart, dass ihr, wenn ihr hört, dass die Zeichen Gottes geleugnet werden und dass über sie gespottet wird, nicht länger mit ihnen sitzen sollt (um so euren Widerwillen zu zeigen), ehe sie nicht zu einem anderen Gespräch übergehen, denn sonst wärt ihr wie sie.“ Ich zitiere aus dem Koran und erkläre, dass Gewalt im Islam keinen Platz hat. Die Terroristen der Anschläge auf Charlie Hebdo verübten auch einen Verrat am Islam, sage ich. Schließlich sagt uns Gott im Koran mit diesem Vers, dass wir lediglich weggehen sollen, wenn Gott geleugnet oder verspottet wird, gewaltfrei, aber auch wieder kommen sollen, im Guten. Schließlich sagt Gott im Koran, dass, wer einen Menschen tötet, die ganze Menschheit tötet und wer einen Menschen rettet, die ganze Menschheit rettet. Mein Gott ist, wie für die Mehrheit der Muslime, der Gott der Barmherzigkeit. Was aber ist barmherzig daran, feige zu morden?

Keine fünf Stunden nach diesem Interview sitze ich mit Papa gemütlich auf der Couch, um das Fußball-Länderspiel zu schauen, als wir von den Anschlägen hören und eilig nach mehr Informationen suchen. „Hoffentlich sind es keine Muslime“, sagt Mama und spricht damit aus, was ich an diesem Abend überall in den Sozialen Medien von Muslimen lesen werde. Ich habe ein unbehagliches Gefühl dabei. Ich erinnere mich an Kommentare, die ich unter meinem Welt-Artikel Anfang des Jahres las. Einige empörten sich damals darüber, dass ich so viel über mich schrieb, Angst um die Wahrnehmung von Muslimen hatte und dabei die Trauer um die Ermordeten zurück zu treten schien. Das hatte mich betroffen gemacht. Ich denke noch immer über diese Kommentare nach. Sie haben nicht unrecht, finde ich. Dennoch haben auch Muslime eine Berechtigung, ihre Ängste auszudrücken, denke ich. Wir sind schließlich gleich mehrfach betroffen: Trauer um die Ermordeten, Angst vor weiteren Anschlägen durch muslimische Terroristen, aber auch Angst vor steigenden Vorbehalten und Hass gegenüber Muslime, Anschläge auf unsere Moscheen und Angriffe auf Frauen mit Kopftuch. Nach jedem Terroranschlag durch muslimische Extremisten steigen die Angriffe auf Muslime selbst. Wenn diese Terroristen also in Europa Tod und Schrecken verbreiten, haben sie Muslime gleich doppelt auf dem Gewissen. Sie sind Schuld. Ein Mal sollten wir uns das ganz bewusst machen: Wenn Muslime hier Diskriminierung und Gewalt erfahren, sind muslimische Terroristen daran schuld. Niemand anderes.

Ich verstehe also die Vorbehalte von Muslimen absolut. Dass sie auch auf sich schauen, ist sehr nachvollziehbar, sehr menschlich. Ich verstehe aber die Konsequenz, die oft daraus gefolgert wird, nicht. Warum müssen wir zynische Kommentare schreiben: „3, 2, 1… und distanziert euch!“. Warum müssen wir uns so sehr selbst bemitleiden. Warum müssen wir den Blick von uns nach Außen richten: „Jetzt werden d i e uns alle wieder unter Generalverdacht stellen!“. Warum ziehen wir selbst gleich Grenzen zwischen „uns“ und „ihnen“. Was bringt uns diese Haltung?

Sollten wir nicht vielmehr den Blick von uns auf uns selbst richten? Wie kann es sein, dass Menschen im Namen unserer Religion Anschläge verüben? Wie kann es sein, dass ich Nachrichten von jungen Menschen erhalte, die in Deutschland leben und Wahlen und Demokratie ablehnen? Wie kann es sein, dass Jugendliche nach Syrien in den Krieg ziehen – und wieder zurück kommen? Und: Was können wir tun, um extremistisches Gedankengut in unseren Reihen im Keim zu ersticken?

Muslime dürfen auf sich selbst schauen. Die Anschläge auf sich selbst beziehen. Ich-bezogen sein. Aber wir müssen dabei die richtigen Fragen stellen. Und die richtigen Konsequenzen ziehen: Wir dürfen bei all der Lobby-Arbeit und Aktionen nach Außen den kritischen Blick nach Innen nicht vergessen. Wir müssen uns stärker unserer Jugend annehmen. Nicht nur Aufklärung nach Außen anbieten, sondern mehr religiöse Aufklärung für Muslime selbst. Wir müssen uns um unsere Mitglieder kümmern.

Ich weiß, dass viele von uns enttäuscht und müde sind. Gestern Abend habe ich mich so unendlich erschöpft gefühlt und die Worte, die ich wenige Stunden zuvor beim Interview sprach so unendlich weit entfernt. Doch als Muslime glauben wir an Prüfungen – ein Leben lang. Und wenn Islam für uns Frieden heißt und wir uns Muslime nennen, dann müssen wir uns für diesen Frieden unermüdlich und lebenslang einsetzen. Nach der Trauer dürfen wir darum nicht in ein „wir“ und „ihr“ verfallen, uns selbst bemitleiden und darum zurück ziehen. Wir müssen ein Mal mehr mit der Arbeit beginnen, unermüdlich – In der muslimischen Community und an uns selbst. Das erfordert den Einsatz von jedem Einzelnen von uns! Und wir müssen – mehr als sonst – als Gesellschaft zusammenhalten: Muslime und Nicht-Muslime. Sonst gewinnen die Terroristen und das will keiner von uns.

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8 Kommentare zu “Nach der Trauer um Paris muss der Blick auf uns Muslime selbst folgen

  1. Pingback: Kommentar: Nach der Trauer um Paris muss der Blick auf uns Muslime selbst folgen | Nachrichtenexpress

  2. Lisa
    14. November 2015

    wo gibt es das interview mit dir zum nachlesen?

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  3. Kerstin Brechtal
    14. November 2015

    Danke! Ja, wir wollen uns gegenseitig zu versichern, dass wir alle diese Prüfung zusammen und gemeinsam überstehen müssen. WIr wollen den Terroristen nicht den Gefallen tun, wir lassen uns nicht in „wir“ und „die“ aufspalten. Die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, an die wir -religionsübergreifend- glauben, wollen wir lebendig weitergeben. Die Grundwerte der Menschenwürde und Gleichwertigkeit, die auch Atheisten teilen, wollen wir gemeinsam hochhalten.

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  4. Vetch
    14. November 2015

    Ich bin gar nicht religiös, und ich bete im Moment, dass wir Versühnung üben, Verbindendes pflegen, das Leben und die Freiheit feiern (z.B. die Freiheit, eine Religion auszuüben wie es beliebt, solange es niemand anders wirklich schadet [vgl. die elendige Kopftuchdebatte]), dass wir also das Gegenteil dessen tun und empfinden, wozu uns _alle_ diese Anschläge provozieren wollen.
    Das ist wirklich nicht die Aufgabe ‚der Muslime‘, das ist UNSERE Aufgabe; von uns Menschen.

    Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht, als Glieder eines Leibes von Gott, dem Herrn, erdacht.

    Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder, dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

    Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt, verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

    Saadi

    https://de.wikipedia.org/wiki/Golestan_%28Saadi%29#Bekanntes_Zitat

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  5. Petra
    15. November 2015

    Bisschen enttäuschend – dieser Text. Vielleicht sollten die Muslime mal endlich klären,was der Terrorismus mit dem Koran zu tun hat. Denn allein darauf berufen sich doch die Terroristen und ihre Vorstufe, die Salafisten, die wie im Mittelalter leben und wollen, dass wir das auch tun. Die uns ihre irre Lebensweise aufzwingen wollen -aber trotzdem hier leben wollen. Warum eigentlich?

    Das sagen die Terroristen: was wir tun, steht im Koran, ein Moslem, der Kufars tötet,kommt sofort in den Himmel zu siebzigirgendwas Jungfrauen. Oder steht das nicht im Koran? Dann, liebe Muslime, erklärt doch endlich mal, dass die Passagen, auf die sich die Terroristen berufen, nicht gelten. Dann streicht sie doch endlich. Ganz offiziell. Als nicht mehr zeitgemäß. Denn es sind doch nicht die Muslime – die normalen Menschen – die hier für Ablehnung sorgen. Sondern der Koran. Das Buch, auf das sich alle berufen. Und dieses Buch können auch Kufars lesen. Und wenn sie es gelesen haben, dann sie eben oft geschockt über den Inhalt.

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  6. echsenwut
    16. November 2015

    Das ist nicht immer leicht, Schwester …… wer wüsste es besser als Du? Ich kann mich zehnmal mit meinem Deutschland solidarisch erklären, hundertmal Anschläge als „verboten, verbrecherisch“ bezeichnen, tausendmal erläutern, dass Terror und Gewalt für mich als Muslim nie ein Weg darstellen und zehntausendmal öffentlich und offiziell Terror verurteilen – man wird mir hunderttausendmal sagen, ich sei kein Deutscher und hätte hier nichts zu suchen.
    Also gut …. Du hast natürlich recht. Ich rappele mich hoch und versuche es ein zehntausenderstes Mal. Und dann ein zehntausendzweites ………

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  7. Bernd
    18. November 2015

    Der Islam ist unser Feind und mit ihm jeder der ihn praktiziert und verbreitet. Ich kann nur hoffen dass sich diese Erkenntnis endlich durchsetzt und man Leuten wie Dir nicht auch noch ständig ein Forum bietet um religiöses Geseier abzusondern. Die Attentäter sind Moslems die hier in Europa aufwuchsen. Der Feind ist unter uns. Ihr habt uns das Böse gebracht. Du hast Angst vor Übergriffen? Dann pack doch endlich Deinen Koffer und geh nach Moslemland.

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  8. Lorena Molija
    20. November 2015

    Was für ein komplett inhaltsleeres Geschwafel. Muslime müssen den Blick nach Innen auf sich selbst werfen? Okay … und wann genau fangen sie damit an? In dem Artikel nämlich definitiv nicht. Der ist wieder nur voll von dem Geweine, das im Artikel selbst als nicht gut empfunden wird. Und ewig nur die positiven Zeilen aus dem Koran zu bringen, obwohl die „Tötet alle Ungläubigen“ da genauso hindrinstehn. Das immer wieder zu ignorieren ist lächerlich und extrem ermüdend. Beide Seiten (die Radikalen und ach so moderatten Muslime) müssen sich mit ALLEN Teilen des Korans auseinandersetzen und entscheiden, an was davon sie sich halten wollen!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. November 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
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