betül ulusoy

Unter der Haltestelle

Es ist grau in Berlin und es regnet, wieder. Ich wünschte, es würde schneien statt regnen; ich träume von weißen Weihnachten, endlich. Wir warten mit Mama auf unseren Bus und stellen uns unter den Schutz der Haltestellen-Überdachung. Die BVG lässt auf sich warten, natürlich. Es wird immer voller um uns herum. Zwei Menschen Ü50 und acht Menschen Ü70 stehen da. Mama und ich schauen uns um und unterhalten uns über die demographische Entwicklung in Deutschland, als eine weitere Dame auf uns zueilt, so schnell, wie es in ihrem Alter eben möglich ist. Sie lächelt uns schüchtern an, sie möchte auch gern unter die Überdachung. Mama macht Platz, wo kaum mehr Platz ist und rückt ordentlich auf. Die Dame kann sich zu uns gesellen.

„Erinnerst du dich an die Geschichte unter dem Pilz?“, fragt Mama. Ich überlege kurz und erinnere mich an Wladimir Sutejews Kinderbuch, das mir meine Mama als kleines Kind vorlas: Als es einmal in einem Wäldchen regnete, wie heute in Berlin, suchte eine Ameise Unterschlupf und fand sie unter einem kleinen Pilz auf der Wiese. Als es nicht aufhören wollte, zu regnen, wollte sich auch ein Schmetterling unter dem Pilz schützen„Ameise, liebe Ameise, mach mir doch ein Plätzchen unter dem Pilz frei! Ich bin ganz durchnässt, kann nicht mehr fliegen!“, bat der Schmetterling. Wo willst du hier noch hin?“, antwortete die Ameise, „Ich hab selber kaum Platz.“ „Es wird schon gehen! Wenn auch in Enge, so doch in gutem Einvernehmen.“, meinte der Schmetterling und die Ameise ließ ihn schließlich unter den Pilzhut schlüpfen. Als es immer weiter regnete, kamen immer mehr Tiere an, die alle Schutz suchten und alle zunächst auf Bedenken der Tiere stießen, die bereits dort waren, weil kein Platz mehr sei, aber auf Drängen und Bitten doch aufgenommen wurden: Eine Maus, ein Spatzenjunges und schließlich ein Hase, der nicht vor dem Regen, aber vor dem Fuchs floh. Endlich lugte die Sonne aus den Wolken hervor und die Tiere waren alle gerettet. Die Ameise aber wurde nachdenklich: „Wie kann das nur sein? Zuerst war es für mich allein eng unter dem Pilz und zuletzt hatten wir alle fünf Platz.“ Als sie unter dem Pilz hervortraten sahen sie den Grund: Der Regen, vor dem alle anderen geflohen waren, hatte den Pilz prächtig wachsen und gedeihen lassen.

„Weißt du“, sage ich zu Mama, „die Geschichte wäre doch schöner gewesen, würde der Pilz nicht wachsen und die Tiere sich den Platz dennoch versuchen zu teilen. Ich meine: Wenn der Kuchen größer wird, die Ressourcen mehr werden und ausreichend sind, ist es immer leicht, zu teilen. Was aber, wenn der Kuchen nicht groß genug für alle ist? Gerade dann ist es doch wichtig, andere mit unter den Schirm zu holen.“ „Nein“, sagt Mama, „am Anfang steht immer der Entschluss der Tiere: Sie beschließen, ein weiteres Tier aufzunehmen und rücken zusammen, ohne zu wissen, dass der Pilz wächst. Und weil die Tiere diese schöne Absicht bereits haben, lässt Gott für sie den Pilzhut wachsen. Ihr Handeln trägt also Früchte, birgt Segen.“

Wir Menschen müssen den ersten Schritt machen. Die gute Absicht fassen, zusammenrücken. Der Rest wird sich ergeben, insAllah. Wo ein Wille ist, ist schließlich immer auch ein Weg. In diesem Sinne wünschen Mama und ich einen wunderbaren, gesegneten Freitag.

„Allah blickt nicht auf eure (äußere) Erscheinung oder euren Reichtum, sondern er blickt auf eure Herzen und eure Taten.“ – Prophet Muhammad (s.a.v.)

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Ein Kommentar zu “Unter der Haltestelle

  1. Columbia
    5. Dezember 2015

    Sehr geehrte Frau Ulusoy,

    ich lese Ihre Beiträge regelmäßig. Ihre Gedanken zu verschiedenen Themen finde ich interessant, auch wenn ich mich Ihrer Meinung manchmal nicht anschließen kann.

    Auf ihrer Instagram-Seite haben Sie am 4. Dezember 2015 einen Beitrag geschrieben, der mit „Ich mache mir Sorgen um Berlin beginnt…“ Den Text (also Ihre positiven Erfahrungen) finde ich gut.

    Aber: Was sind „weiße Feministinnen“? Warum betonen Sie eine Hautfarbe? Und (suggestiv) in einem einfachen Schema: weiß=eher rassistisch und Täter, schwarz=immer Opfer.

    Sie leben in Berlin. Sie sind eine Deutsche. Und Sie engagieren sich. Das ist natürlich nicht immer leicht, gerade im religiösen Bereich.

    Aber, das Gegenteil von der Hautfarbe weiß ist nicht: muslimischer Glaube oder türkischer (?) Migrationshintergrund (?). Sie haben keine negativen Erfahrungen gemacht, weil Sie eine schwarze Hautfarbe haben. Mit der Betonung der Hautfarbe der Anderen, stellen Sie sich selbst als Opfer dar. Was Sie aber nicht sind! Das haben Sie echt nicht nötig. 🙂

    Freundliche Grüße

    Eine Migrantin

    PS: Ich schreibe Ihnen meine Gedanken auf dieser Seite, da ich weder bei Instagram noch Facebook bin.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Dezember 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
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