betül ulusoy

Ja, mein Mann ist ein Hengst!

Es ist einfach unglaublich, was für tief sitzende Bilder in unseren Köpfen fest sitzen und wir so nicht mehr in der Lage sind, selbst die offensichtliche Realität als solche wahrzunehmen.

Als Teenager hatte ich einen Schulfreund zu Besuch bei uns zu Hause. Mein Vater begrüßte ihn, hieß in willkommen und fragte höflichkeitshalber, wie es ihm geht. Die verdutzte Reaktion meines Freundes: „Entschuldigen Sie, aber ich spreche kein Türkisch“. Daraufhin mein Vater: „Spreche ich etwa Türkisch mit dir?“ – „Nein.“

Mein Schulfreund hatte so sehr das Bild eines türkischen Mannes im Kopf, dass er gar nicht wahrnahm, dass mein Vater Deutsch mit ihm sprach und er ihn verstehen konnte. Es war verrückt.

Im Sinne der Gleichberechtigung durfte natürlich auch meine Mutter eine ähnliche Erfahrung machen. Sie war mit einer Vorschulgruppe unterwegs: Zwei Frauen als Erzieher und zwanzig Kinder. An einer Ampel wurde sie von einem Mann tatsächlich gefragt, ob das alles die Kinder der beiden Frauen seien. „Ja“, erwiderte meine Mutter: „Mein Mann ist ein Hengst“.

Das Bild der muslimischen Frau, die nur am Gebären ist und viele Kinder in die Welt setzt, war bei dem Herren anscheinend so sehr verankert, dass er es wirklich für möglich hielt, dass zwei Frauen zwanzig Kinder haben können – Und zwar alle im gleichen Alter!

Ich halte diese beiden Beispiele eigentlich für zwei lustige Fälle. Im Grunde muss man sie aber ernst nehmen. Sie sind Lehrbeispiele für Psychologie und Gesellschaftsbilder. Wie oft haben wir wohl schon eine Situation nach unseren Vorurteilen und Bildern in unseren Köpfern beurteilt? Und wie oft ist uns das gar nicht aufgefallen? Wir übernehmen uns vorgesetzte und fremde Bilder und behandeln sie unreflektiert so, als seien sie unsere eigenen. Das zu erkennen und sich dem zu widersetzen ist eine große Kunst!

Albert Einstein sagt nicht umsonst:

„Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil“.

Vor zwei Tagen erzählten mir auf einer Tagung zwei muslimische Verbandsvertreter, dass sich Lehrerinnen oft bei ihnen beschwerten. Darüber, dass muslimische Schüler ihre Lehrerinnen nicht als Respektperson erachten würden, weil sie generell keine Achtung vor Frauen hätten. Die Lehrerinnen wurden nach konkreten Fallbeispielen gefragt. Ihre Antworten machen mich nachdenklich: „Ich habe das selbst nicht erlebt, aber meine Kollegin hat mir das berichtet“ oder: „Ich hätte jetzt kein konkretes Beispiel, aber ich empfinde das so“.

Das Fatale: Schüler spüren diese Empfindungen auch – Und bedienen aus Protest gerne die Klischees ihrer Lehrer.

Jedenfalls würde ich mir sehr wünschen, dass wir unsere Gefühle und Empfindungen immer wieder kritisch hinterfragen und auf die Probe stellen würden.

Es macht einen großen Unterschied, mit welchem Bild ich durch mein Leben laufe. Wenn meine Brille negativ ist, werde ich wahrscheinlich auch alles, was mir widerfährt, ob gut oder schlecht, nach negativen Kriterien aussortieren – Obwohl meine Welt eigentlich nicht schwarz, sondern bunt ist.  Es ist wie bei der selbsterfüllenden Prophezeiung. Ich wünsche uns, dass wir diese Brille abnehmen, unseren Blick weiten und unsere Schubladen häufiger ausstauben.

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4 Kommentare zu “Ja, mein Mann ist ein Hengst!

  1. Saxhida
    30. November 2014

    Hat dies auf Frauen und Islam rebloggt und kommentierte:
    Interessanter Artikel

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  2. SalvaVenia
    30. November 2014

    Zwei sehr schöne Beispiele, nein, eigentlich drei, wenn man diejenigen der beiden Verbandsvertreter hinzunimmt, wie sich der unaufhörliche Strom islamophobisch geprägter Dauerberieselung seitens der Medien in die Verhaltensweisen des Einzelnen irgendwann halt doch hineinprägt. Und es ist wirklich sehr schwer, sich dagegen zu wehren, wenn dann der vermeintlich islamische lebende Mensch alle Vorurteile bestätigt, die ihm gemeinhin nachgesagt werden.

    Es ist die alte Falle: Man kann einer Religion weder vorwerfen, was irgendwelche Fehlgeleiteten vorgeben, in ihrem Namen zu tun, noch dasjenige, was dieser Religion feindlich Gesinnte ihr fälschlicherweise vorwerfen.

    Das wird leider vielzuwenig getrennt, wenn den überhaupt …

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  3. nournoir
    1. Dezember 2014

    Der vermeintlich latente Alltagsrassismus, eine Hürde, die man immer wieder nehmen muss.
    Manchmal nur traurig, manchmal sehr irrwitzig. Wirklich schöner Text.

    http://nournoir.wordpress.com

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  4. famdya
    4. Dezember 2014

    Sehr schön geschrieben. Oft wird der Alltagsrassismus nicht bemerkt. Ich würde aus meinen Gesprächen und Beobachtungen behaupten, dass dies nicht mutwillig ausgeführt wird. Personen die nach diesem Schema ihren kognitiven Muster gestalten unterliegen wohl auch anderen schemenhaften Denken, die von Dritten übernommen wurden. Die sogenannte Mitläufer übernehmen nur Meinung oder empfinden diese als Realität, wie beispielsweise Ideologien des NS-Regimes. Dort waren ca. 3/4 der Deutschen auch nur Zuschauer und genau das macht es die so gefährlich!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. November 2014 von in Allgemein.
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