betül ulusoy

Opa, warum tötet ihr Weihnachtsbäume?

Ich klicke mich durch die Social Media. Sie wird in diesen Tagen von drei Themen beherrscht: Pegida, Jahresrückblicke und Weihnachten. Bei Beiträgen zu Letzterem bleibe ich immer am längsten hängen. Sie schenken Wärme in diesen kalten Tagen. Dieses Jahr fällt mir auch vermehrt der Zwiespalt unter meinen Facebook-Freunden auf. Ich meine nicht den Zwiespalt jener Muslime, die alle Jahre wieder durchkauen: Darf ich zu Weihnachten gratulieren oder gar feiern und wenn ja, wie sehr und auf welche Art und Weise? Ich meine den Zwiespalt von Muslimen, die etwas später in ihrem Leben zum Islam gefunden haben und vorher christlich sozialisiert waren. Den Zwiespalt von Muslimen, die ihre Kinder muslimisch erziehen wollen und jedes Jahr mächtig überfordert sind, wenn die christlichen Familienmitglieder zum Weihnachtsessen einladen. Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Beiträge verschlinge, mit all ihren Emotionen: Überforderung und Angst und dennoch Liebe und Zuversicht. Genau das brauche in diesen Zeiten.

Einen Fall von Familienfreunden empfinde ich als tragisch und komisch zugleich. Sie ist eine türkische Minderheit aus Griechenland, er eine deutsche Minderheit aus Ostfriesland. Sie ist von klein auf muslimisch sozialisiert, er fand über die Liebe zu ihr zur Liebe zu Allah. Alle Eltern wollen ihre Kinder nach ihren Werten und Vorstellungen erziehen und so wollen auch diese beiden ihren Kindern muslimische Werte und Pflichten vermitteln. So leicht ist das gar nicht, wenn man eine Minderheit ist. Wie vermittelt man Kindern, dass man ein wenig anders ist, als die anderen und dass das auch schön ist. Vor allem dann, wenn dieses Anderssein mit so vielen Pflichten einher geht? Darum ereilt sie auch jedes Jahr pünktlich zu Nikolaus die Sorge, dass sich ihre Kinder von den vielen Geschenken und Dekorationen verführen lassen könnten. Sie bekommt regelrecht Sorgenfalten auf der Stirn. Ihre Art von Weihnachtsdekoration.

Die Geschenke bekommen die Kinder von den Großeltern aus Ostfriesland. Für sie war es damals nicht leicht, als der Sohn eine Türkin heiratete und anfing an etwas zu glauben, was für sie sehr fremdartig war. Alle Großeltern möchten ihren Kindern und Enkeln ein Stück von dem mitgeben, was für sie wichtig ist, ein Teil von ihnen, ein Teil von ihren Werten, ihrer Welt, ihrer Kultur. In ihrem Nachwuchs leben sie fort. Weihnachten ist eines dieser Dinge. Das haben sie schon von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen, und von ihren Großeltern, ihren Urgroßeltern… Natürlich möchte man das auch mit den eigenen Enkeln teilen und feiern. Sie sollen sich mit ihnen auf diese Zeit freuen. Teure Geschenke zum Nikolaus unterstützen die Freude bei Kindern.

So teure Geschenke zum Nikolaus? Das empfindet sie schon fast als Bestechung. Sie glaubt, dass sie nun erst recht aufpassen muss. Sie recherchiert und erklärt ihren Kindern viel. Sie spricht von Respekt gegenüber der Religion der Großeltern, aber auch darüber, dass man als Muslim eben andere Feiertage habe. Eher beiläufig redet sie auch über Weihnachtsbäume. Eigentlich ist es doch schade, dass man so viele fällen muss und sie nur wenige Tage im Haus behält, ehe sie alle kurz nach Weihnachten die Straßenränder säumen, sagt sie wohl auch. Traurig ist das, findet sie, für die Bäume. Kinder haben ein großes Herz und eine blühende Fantasie und so kommt es, dass zu Heiligabend der Opa in Ostfriesland die Tür öffnet und statt einer Begrüßung von der Enkelin zu hören bekommt: „Opa, warum seid ihr so böse und tötet alle die Weihnachtsbäume?“.

Die gesamte Familie dreht sich zu ihr um: Was erzählst du den Kindern bloß über uns Christen?

Ich verstehe sie gut, die Mutter mit ihren Ängsten, dass sie es nicht schaffen wird, ihren Kindern ihre religiösen Vorstellungen mit zu geben. Minderheiten haben oft solche Sorgen. Wie findet man ein Gleichgewicht zwischen dem Alten und Eigenen und dem Neuen und Fremden? Ich verstehe auch sie gut, die Großeltern, die in ihren Feiertagen etwas wundervolles sehen und das gerne mit ihren Enkeln feiern wollen. Warum sollte das ein Problem sein?

Ich sehe, wie diese Familienmitglieder hin- und her gerissen sind, auf beiden Seiten. Ich sehe ihre Fragen, ihre Ängste, ihre Sorgen. Ich sehe, wie sie auch mal diskutieren und streiten. Aber so soll das wohl öfter mal sein, zu Weihnachten, wenn die gesamte Familie mit all ihren Unterschieden zusammen kommt, lese ich. Auch dann, wenn keine Muslime mit am Tisch sitzen. Also denke ich, ist es doch auch ok, wenn man Ängste hat, denn ich sehe noch etwas: Dass man trotz dieser Bedenken jedes Jahr doch wieder beisammen sitzt, gemeinsam lacht, Spaß hat, betet. Und genau das ist es doch, was Weihnachten ausmachen sollte: Eine schöne, besinnliche Zeit, ein Zusammenraufen und Liebe, trotz der Berührungsängste und Sorgen. Weil man am Ende eben eine Familie (geworden) ist.

Das passt nicht nur auf solche gemischten Familien, sondern auf die gesamte deutsche Bevölkerung, finde ich. Mit all unseren Ängsten, dem ganzen Streit, manchmal gar Hass. Am Ende müssen auch wir uns alle zusammenraufen – auch nach Weihnachten – Eben weil wir ein Volk geworden sind. Ob es uns nun passt oder nicht.

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2 Kommentare zu “Opa, warum tötet ihr Weihnachtsbäume?

  1. SalvaVenia
    27. Dezember 2014

    Eine wirklich wunder-, wunderbare und schöne Weihnachtsgeschichte. Danke dafür. 🙂

    Gefällt mir

  2. Myriade
    27. Dezember 2014

    Ich denke der Weg kann nur sein, das Gemeinsame zu fördern und nicht die Unterschiede zu kultivieren …

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Dezember 2014 von in Allgemein.
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