betül ulusoy

Kopftuchmädchen in der Oper

Manchmal werde ich gefragt, warum eigentlich so wenig Muslime in die Oper gehen. Manchmal denke ich, das liegt zumindest auch daran, dass sie dort begafft werden. Manchnal wünsche ich mir, es bliebe nur bei diesem Begaffen.

Heute zum Beispiel, beim Staatsballett in der Deutschen Oper. Es ist Pause und ich bin trotz der vielen verwunderten und durchdringenden Blicke gut gelaunt. Bis eine Frau vor mir stehen bleibt, mich von oben bis unten missmutig beäugt, sodann völlig empört die Nase empor streckt, den Kopf schüttelt und von dannen zieht. Die Situation ist total absurd. Freak, denke ich und zittere. Interessiert man sich nicht für die „deutsche Kultur“, gilt man als Ignorant. Tut man es, wird einem mit Ignoranz und Aroganz auf höchstem Niveau gedankt.

Es läutet. Ich begebe mich mit meiner Freundin erneut auf meinen Platz. Wir sind die einzigen ‚Kopftuchmädchen‘ hier heute Abend. Eine Reihe vor uns versucht ein älterer Herr im Frack sich einen Weg auf seinen Platz zu bahnen. Er bleibt vor uns stehen, beugt sich zu uns runter und sagt: „Ihr beiden seht sehr süß aus!“. Er sieht gerührt aus und scheint erfreut, auch einmal in etwas exotischere Gesichter an diesem Ort blicken zu können. Ich bin ihm für diesen Satz so dankbar.

Ich begegne noch vielen Blicken an diesem Abend. Neugierigen und böse drein blickenden. Ich fange sie auf, erwidere mit einem Lächeln – und bekomme auch immer ein erleichtertes Lächeln zurück.

Es ist nicht leicht, sich diesen Blicken in der Freizeit auszusetzen, wo man doch eigentlich entspannen und genießen möchte. Aber wie jedes mal habe ich auch diesmal das Gefühl, dass regelmäßige Opernbesuche zu der wichtigsten Öffentlichkeitsarbeit gehört, die ich mache. Gerade diesem Klientel  begegnet man sonst so selten und gerade sie haben es oft so bitter nötig, denen zu begegnen, über die sie sonst nur in der Presse lesen. Aufklärung durch bloße Anwesenheit. Muslime sollten in so vielen kulturellen Bereichen mehr Präsenz zeigen – Nicht nur in der Oper. Wieder wird mir das klar.

„Ei, das geht alles nicht,“ sprach der Obergerichtsrat verdriesslich, „wie die Mechanik nun einmal gemacht ist, muss sie bleiben.

Aus: Nussknacker und Mausekönig

Tja, eben nicht.

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10 Kommentare zu “Kopftuchmädchen in der Oper

  1. Myriade
    27. Dezember 2014

    Präsenz in der Oper: ein sehr originelles Projekt !! Gratuliere.

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  2. SalvaVenia
    27. Dezember 2014

    Weiter so!

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  3. Saxhida
    27. Dezember 2014

    Wenn ich das Wort Oper nur höre…sogleich erklingt der Gefangenenchor in meinem Ohr…aaaahhhhh 🙂

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  4. muamerbecirovic
    29. Dezember 2014

    Meinen Hochachtung vor dem Blog und die Art wie du an eckst.

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  5. dulo
    2. Januar 2015

    You rock girl! Weiter so mashallah

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  6. Michele N.
    2. Januar 2015

    Ich bin auch Muslimin (praktizierend) und gehe öfters ins Opernhaus in Zürich. Ich liebe diese faszinierende Welt der Oper!
    Äusserlich sieht man es aber mir nicht an, dass ich Muslimin bin…

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  7. CF
    9. Januar 2015

    Ich bin (keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig) oft in der Oper und habe dort – bedauerlicherweise – noch nie ein Mädchen oder eine Frau mit Kopftuch gesehen. Viel zu oft allerdings eine viel zu große Anzahl an grauen Haaren, sodass das Parkett einem grauem Flächenteppich gleicht. Da wünschte man sich doch gern ein oder mehrere Kopftücher zwischendrin. Danke für den Beitrag. Und: Hochachtung

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  8. maximlian kellner
    10. Januar 2015

    Der Nußknacker! Da hast Du Dir die größtmögliche Spießeransammlung gesucht, die im Abendland möglich ist. Um da anzuecken, musst Du kein Kopftuch tragen. Da genügt auch jede andere außergewöhnliche Frisur. Oder ein Loch in der Hose?

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  9. Evelin Lubig-Fohsel
    12. Januar 2015

    Ich gehöre zur der „abendländischen Spießeransammlung“ und gestalte den „grauen Flächenteppich“ ohne Kopftuch. Ich freue mich über jedes „Kopftuchmädchen“ im Zuschauerraum und denke: „Endlich! Sie gehört dazu!“ Ich habe übrigens folgende Erfahrung gemacht: Wenn ich bemerke, dass eine Frau mit Kopftuch angestarrt wird, stelle ich mich dicht vor den Starrenden/die Starrende und starre zurück. Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich: empört bis aggressiv, aber auch erschrocken und verständnisvoll, auch ertappt lächelnd und manchmal ist sogar schon daraus ein Gespräch entstanden.

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  10. guezeltepe
    12. März 2015

    Wenn das zur Normalität wird, dann wird der Islam in Deutschland angenommen.
    Bis jetzt gehört er zu Deutschland, ist aber noch nicht wirklich akzeptiert.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Dezember 2014 von in Allgemein.
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