betül ulusoy

Du sollst dich (nicht) distanzieren müssen!

Seit dem Anschlag in Paris überschlagen sich die Pressemitteilungen und Stellungnahmen muslimischer Verbände und Gemeinden, aber auch vieler Einzelpersonen, die ihre Solidarität mit den Angehörigen bekunden, sich zur Meinungs- und Pressefreiheit bekennen und sich von Gewalt und Terror im Namen ihrer Religion distanzieren. Sie reagieren damit nicht immer auf die persönlich empfundene Trauer, Verzweiflung, Betroffenheit und Angst. Oftmals ist das auch die Reaktion auf die Forderungen von Außen, Muslime müssten sich deutlich von Gewalttätern in ihren Reihen abgrenzen. So beginnt mit jedem neuen Terrorakt immer mehr ein Wettlauf bei Muslimen, sich möglichst bald und mit mit möglichst deutlichen Worten zu distanzieren. Man möchte nicht in Verdacht geraten, man würde stillschweigend zusehen oder gar gutheißen, was geschieht.

Würden diese Stellungnahmen nicht aus der Angst hervorgehen, von der Mehrheitsgesellschaft verurteilt zu werden, ich fände sie gut und wichtig. Denn so oft ich als Muslimin auch sage, dass diese Terroristen nichts mit dem Islam, das in sich bereits das Wort Frieden enthält, zu tun haben, so bleibt es doch dabei, dass sie sich selbst offenbar als Muslime ausgaben und von der Welt als solche wahrgenommen werden. Als Muslimin werde ich selbst mit ihnen in Verbindung gebracht und es liegt, so traurig das ist, an mir, diese falsche Verbindung wieder zu durchtrennen.

Gleichzeitig zu dieser Distanzierungsnot werden aber auch immer mehr die Stimmen derjenigen laut, die sich vehement dagegen wehren, sich distanzieren zu sollen. Ich verstehe diese Stimmen gut. Wenn man sich von etwas distanziert, muss man sich zunächst zu der Gruppe, von der man sich abgrenzen möchte, zugehörig fühlen. Man muss eine Verbindung zwischen sich und ihnen herstellen. Sonst macht das Ganze von vornherein keinen Sinn. Nur, in diesem Fall ist diese Gruppe gerade eine terroristische Vereinigung. Wenn von mir also gefordert wird, ich solle mich von ihr distanzieren, so wird mir gleichzeitig unterstellt, ich wäre auch ein Teil eben jener Terrorgruppe. Das ist ziemlich verletzend. Und gleichzeitig von der Wahrheit so weit entfernt, wie der Neptun zur Sonne. Verständlicherweise verwehrt man sich dann derartigen Forderungen.

Ein Tweet, der zur Zeit besonders häufig geteilt wird, möchte darum eigentlich auch eben das ausdrücken: Muslime sind in ihrer Allgemeinheit genau so betroffen und stehen im Übrigen für die selben europäischen Werte, die sich übrigens kaum von islamischen Werten unterscheiden, ein. Gerade deshalb ist eine Distanzierung absurd.

JeSuisAhmed

Es stellt sich ganz generell die Frage, wann eine Distanzierung von bestimmten Ereignissen notwendig ist und wann man in die Verantwortung genommen werden kann, ohne Täter zu sein. Gerade bei Religionsgemeinschaften, muss eine enge Auslegung vorgenommen werden. Denn vor allem eine Religion wie der Islam, der im Gegensatz etwa zur katholischen Kirche dezentral und nicht organisiert ist, kann nicht vom einzelnen Gläubigen beeinflusst oder gesteuert werden. Anders mag es als Staatsangehöriger eines demokratischen Landes sein, in dem man Einfluss auf die Regierungshandlung ausüben kann und darum auch eine besondere Verantwortung trägt. Für eine Glaubensgemeinschaft gilt das aber nicht. Deshalb kann einem Gläubigen auch nur schwer eine Verantwortung aus dem Missbrauch seines Glaubens erwachsen. Natürlich: Wenn ein Muslim Mitglied eines Dachverbandes ist, kann es auch für ihn als Gläubigen, vor allem aber als Vereinsmitglied notwendig werden, sich von einer Aussage oder Handlung seiner Gemeinschaft zu distanzieren. Verantwortung für alle 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt braucht er sich aber keinesfalls auf die Schultern zu laden.

Wohl darum verbreitet sich in den Sozialen Medien auch zynisch folgender Tweet:

Pegida

Tatsächlich sehen sich viele Muslime einer Doppelmoral unterworfen. Anders Breivik hatte ebenfalls das Christentum in Anspruch genommen, um seine Taten zu legitimieren. Keiner ist damals – zu Recht – auf die Idee gekommen, von allen Christen dieser Welt eine Distanzierung von seinem Terror zu fordern. Selbstverständlich war auch dann die Anteilnahme groß, auch seitens Muslimen. Die religiöse Zugehörigkeit hat aber keine Rolle gespielt.

So bleibt bei mir der Wunsch, dass ich als Muslimin nicht mit Terroristen in Verbindung gebracht und in Kollektivhaftung genommen werden möchte. Dass von mir nicht gefordert wird, ich müsse mich distanzieren, weil ich Muslimin bin. Ich möchte nicht aus Zwang Stellungnahmen schreiben und mich rechtfertigen müssen. Das wäre nicht ehrlich gegenüber mir und unfair gegenüber den Opfern und Hinterbliebenen. Auch ich muss, wie jeder andere Mensch, selbst entscheiden dürfen, ob, wann und wie ich mich äußere. Ich möchte einfach nur schreiben, weil ich betroffen bin. Als Mensch.

Dieser Artikel erschien am 09. Januar 2015 im VICE Magazin: http://www.vice.com/de/read/muslime-sollten-sich-aus-menschlichkeit-distanzieren-duerfen-nicht-aus-zwang-325

// Nachtrag

Was schrieb ich noch zu den Anschlägen in Paris?

Guter Charakter

Ahmed

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8 Kommentare zu “Du sollst dich (nicht) distanzieren müssen!

  1. Myriade
    10. Januar 2015

    Ich finde du hast vollkommen Recht. Nur möchte ich zu bedenken geben, dass die immer wieder von vielen Seiten geforderten Distanzierungen ja nur im Interesse der Muslime sind. Mir zum Beispiel als Nicht-Muslimin kann es bei der Verurteilung von solchen und ähnlichen Terrorakten völlig egal sein, ob sich die Mörder zu Recht oder zu Unrecht auf den Islam berufen, ob der Islam eine Friedens- oder eine Agressionsreligion ist. Ich verurteile solche Taten egal ob sie von den Mördern im Namen Allahs oder des Spagettimonsters oder wem auch immer begangen werden. Kann es aber einem Moslem egal sein ?

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  2. nournoir
    10. Januar 2015

    Ich befürworte jeden der sich distanziert, aber verurteile niemanden der es nicht tut. Ich verstehe beide Seiten, es gibt keinen Zwang sich von etwas zu distanzieren, aber ich persönlich denke, dass es uns einen Vorteil bringt und unterstütze jeden der es tut. Dennoch sollte man, wie du es auch ansprichst, die Beweggründe derer verstehen die es eben nicht als notwendig sehen. Genau darüber wollte ich auch schreiben, denn was oft fehlt ist Empathiefähigkeit. Ob man sich nun mit den Opfern in Paris solidarisiert oder nicht oder mit den tausenden Muslimen solidarisiert oder nicht, muss auch jeder selbst entscheiden. Das wichtige ist, wie du es ebenfalls angesprochen hast, sich darauf zu berufen, dass wir alle Menschen sind und deshalb sollten wir uns mit jedem Menschenleben, welches durch die Machtgelüste anderer ein Ende findet solidarisieren.
    Also #jesuishumaine!

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  3. Sonnenkicker
    11. Januar 2015

    Hallo Betül, bin gerade auf deinen Artikel aufmerksam geworden, finde ihn richtig gut geschrieben und kann nachvollziehen, was du zum Ausdruck bringen möchtest. Es sollte keinen Generalverdacht geben und es sollte sich keiner distanzieren müssen. Aber ich muss auch zugeben, dass ich mir jetzt ein Zeichen der Muslime wünschen würde. Ein großes Zeichen, wie z.B. Kundgebungen in verschiedenen Orten mit vielen Menschen, auch gerne mit Nicht-Muslime zusammen. Ich habe nach dem Lesen deines Artikels darüber nachgedacht, warum ich zwar niemanden unter Verdacht stellen möchte, aber auch gerne das Zeichen sehen würde. Vielleicht ist es deshalb, weil in vielen Orten in Deutschland zur Zeit viele Menschen (in München auch ich) auf die Straßen gehen um gegen den dummen Vorwurf der „Islamisierung“ zu protestieren. Es ist zu erwarten, dass am nächsten Montag uns die Gegenseite zuruft: „Seht ihr nicht was noch alles passieren wird, wir haben euch gewarnt! Der Islam bringt nur Leiden!“. Und dann möchte ich nicht dastehen und mir denken müssen: „Schön, dass ich hier stehe, aber wo sind die Muslime?“. Auch wenn ich mich nicht Pegida zugerechnet fühle, will ich mich von ihnen deutlich distanzieren…
    Beste Grüße

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  4. Eckhardt Kiwitt
    11. Januar 2015

    Womöglich geht es gar nicht so sehr um’s Distanzieren (müssen) — also darum, wogegen man ist —
    sondern mehr um das, wofür man ist.

    Z.B. kann es um das Bekenntnis zu dem Recht gehen, seine Meinung frei äußern zu dürfen — wozu auch das Recht gehört, Karikaturen zeichnen und veröffentlichen zu dürfen — also um dieses „Dafür“.

    Übrigens:
    Es ist manchmal die Rede davon, dass „der Islam“ beleidigt würde (durch Karikaturen o.ä.).
    Eine Religion kann man nicht beleidigen.
    Beleidigen kann man nur andere Menschen, solange sie leben; aber das sollte man nicht tun, weil man selber wahrscheinlich auch nicht beleidigt werden möchte.

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  5. Maria
    12. Januar 2015

    Hallo liebe Betül, ich möchte Dich daran erinnern, dass Du in einem anderen Artikel Deine deutschen Mitbürger zur Solidarität gegen Ausländerfeindlichkeit aufrufst – und zwar richtiger Weise. Ausserdem: Du hast Dich ja sowieso schon ganz freiwillig positioniert, ich verstehe daher nicht ganz, weshalb Du es ablehnst, wenn Deine Meinung auch innerhalb eines Kollektivs Ausdruck findet. Und zu guter Letzt ist eine Distanzierung von Seiten (eines möglichst großen Teils) der muslimischen Community auch deswegen wichtig, weil diese Taten – auch wenn sie in verschiedenen sozialen Problemen begründet sind – sicherlich von der Motivation getrieben sind, Anerkennung zu finden (Wenigstens posthum). Es ist meiner Meinung nach auch ganz besonders wichtig, dass diese Position nicht als Sammelsurium von Einzelmeinungen interpretierbar ist, darauf würde Deine Wunsch, Dich als Mensch und nicht als Muslimin zu distanzieren , aber abzielen.

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  6. Tufan Saglam
    14. Januar 2015

    Ich bin es satt mich von allem und jedem distanzieren zu müssen, schöner Artikel Betül.

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  7. ws
    23. März 2015

    Ein Moslem als Bürger muss sich von nichts und niemandem distanzieren, erst einmal. Je mehr er aber die private Rolle verlässt, als geistlicher Exponent, als Verbandsfunktionär, aber auch als Blogger, der für seinen Standpunkt wirbt, umso mehr würde ich erwarten (im Sinne von „damit rechnen“, nicht einfordern), dass ihn die Korrelation von Islam und Intoleranz bzw. Gewalt beschäftigt. Ein Abspalten der von der Autorin vielleicht so erfahrenen subjektiven, ganz persönlichen Islamerfahrung von den vielen anderen Aspekten des Islam, die es eben auch gibt, ist in meine Augen zu unreflektiert und unanalytisch.
    Mich jedenfalls würde der nicht zu leugnende Zusammenhang eines orthodoxen Islamverständnis mit der Abwertung von Anders-und Ungläubigen (die einer etwaigen Gewaltanwendung immer vorausgeht, Gewalt ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs ) als gläubiger Moslem bekümmern und mir Fragen stellen. Die lapidare Feststellung, dass das alles nichts mit dem Islam zu hätte könnte michnicht zufriedenstellen.

    Noch ein paat notwendige Ergänzungen zum Text weiter oben:
    1) Breivik hat sich zu keinem Zeitpunkt auf christliche Relgion oder gar Bibelstellen bezogen. Er sah sich als Verteidiger des Westens, aber mit Religion war NICHTS begründet. Zahlreiche Führer des islamischen Staats aber sind Theologogen, der Anführer sogar ein promovierter solcher. Vgl.
    http://www.profil.at/oesterreich/islam-theologe-ednan-aslan-wir-ideologie-fruechte-378114

    2) Sie schreiben „…zeigt, dass radikale Extremisten nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen unterscheiden“.
    Zwei Anmerkungen: Es sind keine radikale „Irgendwie“-Extremisten, sondern Islamisten – soviel Präzision möcht’s schon sein.
    Die Unterscheidung, die diese Islamisten vornehmen, ist vielmehr Rechtgläubige Moslems und Ungläubige ( zu denen auch Moslems anderer Glaubensrichtungen zählen können) – es geht also sehr wohl um den moslemischen Glauben.
    Der, zufälligerweise moslemische Polizist in Paris ist dabei ein denkbar schlechtes Beispiel, denn er wwar ein Kollateralschaden . Wenn er überhaupt ideologisch aufgeladen werden soll, dann war der Polizist ein Exponent des laizistischen Staats und damit sehr wohl ein legitimes und notwendiges Ziel.

    3) Naja, ich habe mir die Stelle (Koran 5:32) mal angesehen. Sie zitieren unvollständig, die Stelle lautet:
    „Aus diesem Grund haben Wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. Und wenn jemand ihn am Leben erhält, so ist es, als hätte er die Menschen alle am Leben erhalten. Unsere Gesandten kamen zu ihnen mit den deutlichen Zeichen. Aber viele von ihnen verhalten sich nach alledem maßlos auf der Erde.“

    Für „Unheilstifter“ gilt die Sure also nicht. Stellt sich die Frage was Unheil stiften sein kann: Karikaturen z.B.?

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  8. Holger Neidhart
    17. November 2015

    Ich bewundere Menschen wie unsere Muslime die es ständig ertragen müssen mit Monstern wie die der IS gleichgesetzt zu werden und dennoch ihre Freundlichkeit bewahren können .. Keiner hat von Christen verlangt sich gegenüber diesem Breyvic zu distanzieren, keiner verlangt von Christen sich für die “ Arbeit “ der Lords Assistance Army zu distanzieren.. Und denoch wird es regelrecht von Muslimen verlangt. Es sollte sich jeglicher Mensch, unabhängig von Religion und Herkunft von Monstern die solches tun distanzieren. Aber nur weil man Mensch ist und nicht weil man Muslim, Christ, Buddhist oder sonst einer Religion zugehörig ist .. Danke für ihre offenen , ehrlichen Worte..

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Januar 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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