betül ulusoy

Worüber lachen eigentlich Muslime?

Kommt ein hochgewachsener Mann mit einem Messer in der Hand in die Moschee und ruft: „Ist ein Muslim unter euch?“ Bei seinem Anblick wird die Gemeinde kleinlaut. Allein ein alter Mann fasst sich ein Herz. „Ich bin Muslim!“, ruft er und folgt dem Mann nach draußen. Dort wartet ein Schaf.

„Ich möchte das Tier gern nach islamischem Ritual schächten, kannst du mir dabei helfen?“, fragt der Mann mit dem Messer, und der Alte hilft ihm. Irgendwann wird der Alte müde und sagt, der Mann möge sich doch bitte jemand anderen zur Hilfe holen. Dieser kehrt also zurück in die Moschee, nunmehr blutverschmiert und fragt erneut: „Ist ein Muslim unter euch?“. Die Gemeinde ist bei seinem Anblick nun vollends verängstigt und glaubt, der Mann habe dem Alten etwas angetan. Ratlos schauen sie zum Imam. Der gerät in Panik: „Was schaut ihr alle mich an? Glaubt ihr, man wird gleich zum Muslim, nur weil man ein paar Mal das Gebet geleitet hat?“

Muslime machen ständig Witze, Witze wie diesen, der von der eigenen Glaubensstandhaftigkeit handelt. Ich habe mich einmal sehr gewundert, als ich meine deutsch-deutsche Freundin von einer Familienfeier verabschiedete und sie mir gestand: „Ich bewundere es so, wie ausgelassen ihr feiern und lachen könnt – und das ganz ohne Alkohol.“ Damals war ich noch ein Teenager und habe mich gefragt, warum ihr so etwas Banales wie das Lachen bei uns aufgefallen war. Heute verstehe ich: Muslime gelten gemeinhin als humorlos. Dabei macht muslimischer Humor auch vor religiösen Themen keinen Halt.

Unser Motto „Smile! It’s Sunna!“ kursiert tausendfach im Internet und ziert die T-Shirts von Muslimen. Denn den Widrigkeiten des Lebens begegnet man am besten mit einem Lächeln. Sunna, das sind die Handlungsweisen des Propheten Muhammad. Von ihm ist überliefert, dass er oft und gern lachte – manchmal sogar so sehr, dass seine Backenzähne blitzten und er Zahnschmerzen bekam. Ich musste als Kind immer besonders über eine Überlieferung lachen: Der Prophet sitzt mit seinem Gefährten Abu Bakr zusammen und isst Datteln. Abu Bakr legt seine Kerne stets vor dem Propheten ab, der am Ende einen Haufen von Dattelkernen vor sich liegen hat. „Du musst aber großen Hunger gehabt haben“, neckt ihn Abu Bakr und deutet auf die vielen Kerne. „Schon, aber wohl nicht so sehr wie du: Du hast die Datteln vor Hunger mit den Kernen verschlungen“, erwidert der Prophet.

Sehr viel spitzzüngiger als der Prophet ist allerdings ein Gelehrter, dessen Geschichten und Witze mich mein Leben lang begleitet haben: Nasreddin Hoca, einer Art türkisch-islamischer Eulenspiegel, den jedes Kind vom Balkan bis Zentralasien kennt. Seine Witze sind nie heroische Darstellungen muslimischer Gesellschaften, sondern bilden die breite Palette menschlicher Eigenschaften ab. Der Hoca trug übrigens das Pendant zum Kopftuch von Frauen: einen Turban. Dass diese Kopfbedeckungen als rein äußerliche Merkmale herzlich wenig über Charakter oder Eigenschaften einer Person aussagen, erzählt folgende Geschichte: Einst kam ein Mann mit einem Brief zu Nasreddin Hoca. Er konnte nicht lesen und bat deshalb den Hoca, ihm den Brief vorzulesen. So sehr sich dieser aber bemühte, er konnte das in einer fremdartigen Sprache Geschriebene nicht entziffern. Schließlich gab der Hoca den Brief zurück und empfahl, ihn von einer kundigeren Person vorlesen zu lassen. Der Mann reagierte entrüstet. „Und du willst ein Gelehrter sein? Schäm dich deines Turbans!“, rief er Nasreddin zu. Dieser nahm daraufhin seinen Turban ab und setzte ihn dem Mann auf: „Wenn du meinst, das Wissen hinge am Turban, dann lies nun du den Brief!“, sagte er.

Heute fällt mir immer mehr der selbstironische Humor auf, den vor allem junge deutsche Muslime an den Tag legen. Die Dichter von „i,Slam“, dem muslimischen Poetry Slam, oder die Comedians von Uma Lamo belustigen das Publikum regelmäßig mit Witzen über Moralwächter und „Hass-Prediger“, aber auch über stinkende Füße in der Moschee. Den mit den stinkenden Füßen werde ich Ihnen jetzt aber nicht erzählen. Gehen Sie einfach mal hin und schauen Sie es sich an.

Dieser Artikel erschien am 11. Januar 2015 in der Welt am Sonntag: http://www.welt.de/print/wams/kultur/article136240215/Und-worueber-lachen-eigentlich-Muslime.html

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4 Kommentare zu “Worüber lachen eigentlich Muslime?

  1. arprin
    11. Januar 2015

    Natürlich machen Muslime auch Witze. Niemand hat wohl gesagt, es gebe überhaupt keine Witze unter Muslimen. Aber gibt es auch Witze über den Inhalt der Religion, über den Koran, die Gebote und Regeln, das Leben Mohammeds? Da gibt es wohl noch großen Nachholbedarf, was schade ist, da uns dadurch viele Schenkelklopfer verwahrt bleiben.

    Wie z.B.: „Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben.“ (Dieter Nuhr)

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  2. Eckhardt Kiwitt
    11. Januar 2015

    Von dem persischen Schriftsteller Sadegh Hedayat (1903-1951) gibt’s ebenfalls etwas Amüsantes:

    Karawane Islam — Die islamische Mission in Europa
    Eine Satire

    Darin nimmt er Sachen auf die Schippe, die manchen Leuten schlaflose Nächte bereiten — und das nicht verletzend, sondern wirklich lustig, ironisch.

    In seinem Herkunftsland Iran / Persien sind seine Sachen leider verboten …
    Sein bekanntestes Werk ist der Roman „Die blinde Eule“ — siehe Wikipedia.

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  3. klafuenf
    13. Januar 2015

    »Von dem persischen Schriftsteller Sadegh Hedayat (1903-1951) gibt’s ebenfalls etwas Amüsantes: Karawane Islam — Die islamische Mission in Europa, Eine Satire

    In seinem Herkunftsland Iran / Persien sind seine Sachen leider verboten …«

    Fragen?
    Keine weiteren Fragen, Ihr Zeuge.

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    • Eckhardt Kiwitt
      13. Januar 2015

      In der Printausgabe des Spiegel #3/2015 auf Seite 84 ein kurzer Kommentar „Die Humorlosen“ von Markus Brauck, der den Zusammenhang von Persönlichkeitsschwäche und Humorlosigkeit (also auch der Unfähigkeit zur Selbstironie) trefflich darlegt.

      Ein Satz daraus:
      « Komisch ist, wenn wir etwas erwarten und etwas anderes eintritt. Oder kürzer: „Wenn ein Prophet pupst“. »

      Gruß
      Eckhardt Kiwitt (wie die neuseeländische Kiwi und zwei „t“).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Januar 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , .
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