betül ulusoy

Kopftuch? Gekündigt!

Wir kennen uns nicht. Sie schreibt mir eine Nachricht. Sie bedankt sich für einen Artikel, wir unterhalten uns. Sie erzählt, dass sie schon länger mit dem Gedanken spielt, ein Kopftuch zu tragen, sich bisher aber nie getraut hat. Durch meinen Beitrag fühlt sie sich ein mal mehr ermutigt. „Dieses Wochenende“, sagt sie, „werde ich es auf meiner Verlobung tragen. Danach habe ich nicht mehr vor, es abzunehmen. Noch weiß von meiner Entscheidung niemand“.

Sie ist unsicher. Sie befürchtet, durch ihre Entscheidung negative Erfahrungen zu machen. Vor allem die Reaktion ihrer Chefin macht ihr Angst. Ich hingegen mache ihr Mut, erzähle ihr von meinem Ex-Chef. Der war – wie er mir Monate später gestand – ziemlich erstaunt, als zum Vorstellungsgespräch plötzlich eine Bewerberin mit Kopftuch vor ihm stand, nachdem ich meine Bewerbung ohne Foto abgeschickt hatte. Er gab mir eine Chance. Nach einigen Wochen hatte ich mich damals sogar getraut, ihn zu fragen, ob ich in der Kanzlei beten dürfte. Seine Reaktion war für mich eine große Erleichterung. Er bot mir sogar an, mir sein Büro für die Dauer meines Gebetes zu überlassen, wenn der Konferenzraum nicht frei war.

„Das kann auch dir passieren“, habe ich ihr geschrieben: „Keine Angst!“ Wenn es doch schief laufen würde, so waren wir uns einig, wäre das lediglich eine Prüfung Gottes. Sie jedenfalls war auf dem richtigen Weg. Auf ihrem Weg. Geglaubt habe ich daran aber nicht. Dass es schief laufen würde, meine ich.

Heute schreibt sie mir erneut: „Mir würde gekündigt.“ Die Chefin hätte ja nichts direkt gegen das Kopftuch, aber die Kunden würde es stören. Durch das Erscheinen mit Kopftuch habe sie quasi selbst ihre Kündigungserklärung abgegeben. Sie ist geschockt. Mir zerbricht es das Herz.

Wenn heute über das Tragen eines Kopftuchs bei Lehrerinnen diskutiert wird: Es geht eben nicht nur um Lehrerinnen allein! Schicksale wie diese sind die Auswirkungen eines Jahrzehnts, in der wir mit den Folgen einer fatalen Entscheidung leben mussten. Die Ländergesetzgebungen zur missverstandenen staatlichen „Neutralität“ hatten nicht allein Konsequenzen für den öffentlichen Dienst. Die Haltung des Staates hatte gleichzeitig eine folgenreiche Ausstrahlungswirkung auf den privaten Sektor! „Wenn der Staat keine Kopftuch-Frauen einstellt, dann muss ich das erst Recht nicht tun!“ – Das war die gängige Ansicht. Dass das mit dem AGG nicht vereinbar ist, interessierte niemanden. Auch darum ist der neue Beschluss des Bundesverfassungsgerichts so enorm wichtig. Wer es mit der Selbstbestimmung muslimischer Frauen ernst meint, darf sie nicht aus dem öffentlichen Leben verbannen. Sondern muss sich dafür einsetzen, dass sie sichtbar sein und mutig ihren Weg gehen dürfen.

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5 Kommentare zu “Kopftuch? Gekündigt!

  1. Gerhard Boerk
    21. März 2015

    Sehr geehrte Frau betül ulusoy,
    vielleicht hilft Ihnen dieses Interview ja weiter auf Ihrem Weg zum rechten Glauben.
    Mit den besten Grüßen,
    Gerhard Boerk
    http://www.zeit.de/2004/24/ditib-interview/komplettansicht

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  2. Volker Ahmad Qasir
    24. März 2015

    Ja, genau das ist der Punkt: „Es geht eben nicht nur um Lehrerinnen allein!“

    Und genau deshalb tun sich einige Leute so schwer damit. Ich habe keine Ahnung warum – aber das hat wohl weniger mit muslimischen Frauen zu tun, die das Kopftuch mit Stolz tragen, als vielmehr mit der eigenen Unfähigkeit, die eigene (christliche) Religion zu zeigen, denn gerade das trauen sich viele Christen nicht. DAS ist das eigentliche Problem. Durch das Kopftuch können auch andere religiöse wieder mit gutem Gewissen gezeigt werden. Die Antwort auf Gleichberechtigung aller Weltanschauungen ist eben nicht der Verbot von allen, sondern eben die Erlaubnis von allen.

    In Indien gibt es Gegenden, wo man morgens neben den Rufen aus Hindu-Tempeln auch Kirchenglocken und den Azan hört… und es stört nicht, sondern im Gegenteil, es beflügelt die Spiritualität. Inschallah kommt es in Deutschland auch einmal zu einer solchen Offenheit… wenn die „german Angst“ mal verflogen ist. Inschallah.

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  3. Alfred Tetzlaff
    1. April 2015

    Alle religionen bekommen FSK 18 dann erledigt sich das alles auch. In der Türkei übrigens ist das tragen des Kopftuches für staatlich Angestellte verboten und dort war bis erdogan auch keiner auf die Idee gekommen daran etwas zu ändern.

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  4. Oya
    16. April 2015

    Herr Tetzlaff bis dato hat sich in der Türkei keiner getraut sich dagegen zu wehren…!! fast 100 Jahre „Unterdrückung“!! die Menschen haben das immer hinter verschlossenen Türen gesagt, in der Öffentlichkeit war das ein No go.
    wenn man von Demokratie und Menschenrechte spricht, dann sollte dass Koopftuch tragen kein Tabu Thema mehr sein. Ich spreche ja auch nicht Leute auf der Straße an, weil mir Ihr Outfit nicht passt…!! Warum sperrt man sich dagegen?

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  5. soconair
    24. April 2015

    Mal ganz abgesehen davon, dass die Diskussion hier in eine eher andere Richtung als der Artikel an sich:

    Ich kann es nur unterstützen, was du schreibst! Vor allem in den verwandten pädagogischen Berufen ist es schwer. Und wenn du dann eingestellt wirst, ist es manchmal der Beginn eines langen Weges zu beweisen, das man „mehr“ ist, als das Kopftuch, das man „es“ nicht ist, im Sinne dessen, was die Leute denken, was es wäre…wie auch immer, ich habe mal etwas ausführlicher über ein Fall geschrieben, wenn es darum geht, wie es weiter geht, nach einer Einstellung. Ich hoffe, es gibt bald einfach eine riesen Vielfalt in den Arbeitsbranchen, so dass die jetzt noch einzelnen KT-Frauen nicht so ganz alleine da stehen:

    https://schicksalederrepublik.wordpress.com/2014/05/05/meltem-integriert-sich-teil-i/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. März 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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