betül ulusoy

‚Du Kafira‘ – Teil II

Schon als Kind habe ich den Propheten Musa (Moses) besonders geliebt. Er erschien mir immer als der ‚aufmüpfigste‘ der Propheten, der, der am meisten hinterfragte und dennoch Gott so nah war, ein Auserwählter.

Darum ist es kaum verwunderlich, dass ich mich an ihn auch dann erinnere, wenn es um die Bewertung von Absichten geht.

Musa (a.s.) erfuhr, dass es einen Menschen gab, der mehr Wissen hatte, als er als Prophet. Also wollte er diesen Mann (oft: Al-Khadr) begleiten, um von ihm Wissen zu erlangen. Al-Khadr stimmte allerdings nur zu, wenn Musa versprach, keiner Handlung zu widersprechen oder zu hinterfragen, bis Al-Khadr es von selbst erklärte. Musa versprach, geduldig zu sein.

Gemeinsam gingen sie sodann am Meer entlang und wurden von freundlichen Leuten auf einem Boot mitgenommen. Al-Khadr aber stach ein Loch in das Boot, sodass es sinken würde. Musa konnte sich darauf nicht zurück halten und klagte das Unrecht an. Al-Khadir wollte sich von Musa trennen, weil er sich nicht an ihre Abmachung gehalten hatte, doch Musa entschuldigte sich und durfte ihm weiter folgen.

Sie trafen auf ihrem Weg einen kleinen Jungen. Al-Khadr packte ihn am Nacken und riss seinen Kopf zurück. Musa empörte sich sofort über den Tod des unschuldigen Kindes. Al-Khadir schimpfte über seine Ungeduld und gab Musa eine letzte Chance.

Sie führten ihre Reise fort und kamen an einer Stadt vorbei, in der sie um Essen baten. Kein Bewohner war bereit, die beiden Reisenden zu verpflegen. Sie fanden eine einsturzgefährdete Mauer in der Stadt vor, die Al-Khadr eigenhändig wieder aufbaute. Musa mischte sich erneut ein: „Du hättest Geld für deine Arbeit verlangen können“. Damit war die Geduld von Al-Khadr mit Musa endgültig ausgereizt und er musste ihn verlassen.

Vorher gab es allerdings die Auflösung:

Das Boot wurde von einem ungerechten König verfolgt, der alle unversehrten Schiffe kaperte und auch das Boot mit den unschuldigen Passagieren an sich genommen hätte, wenn Al-Khadir kein Loch hinein gebohrt hätte.

Der Junge hatte gläubige Eltern, die er mit Anmaßungen und Unglauben unglücklich gemacht hätte, sodass sie einen besseren Sohn erhalten sollten.

Unter der Mauer befand sich ein Schatz, der zwei Waisenjungen von einem rechtschaffenen Vater vererbt wurde. Die Jungen sollten aber erst erwachsen werden, bevor der Schatz entdeckt wurde.

„Das ist die Bedeutung dessen, was du nicht geduldig ertragen konntest.“, sagte Al-Khadir (18:82)

Diese Koranerzählung ist uns nicht nur eine Lehre hinsichtlich Schicksal und Vorherbestimmung, sondern auch die Deutung von Handlungen, Absichten und Wissen. Musa hatte diese Prüfung machen müssen, weil er zuvor von seinem Volk gefragt wurde, wer das meiste Wissen hat und er daraufhin antwortete: „Ich“. Dafür wurde er von Gott getadelt und zurecht gewiesen.

Manchmal glauben wir, Motive und Absichten von Menschen zu kennen, doch wenn wir Wissen haben und mehr Einzelheiten erfahren, kann alles plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wie könnten wir dann erst Recht darüber urteilen, ob jemand „ungläubig“ ist, oder nicht?

Einmal sagte der Prophet (s.a.v.): „Wer zu seinem Bruder sagt: ‚O du Ungläubiger‘, dann ist einer von beiden (in jedem Fall) ungläubig.“ Ein Teil der Gelehrten sagt über diesen Hadith, dass der Kufr, den einer dem anderen zuschreiben wollte, auf ihn selbst zurück fällt. Ein anderer Teil meint, der Prophet hätte damit erreichen wollen, dass die Menschen eben von ähnlichen Vorhaben Abstand nehmen, weil er es als verabscheuungswürdig erachtete und darum diese drastische Ausdrucksweise wählte.

Das soll nicht heißen, dass es niemals möglich ist, jemanden als „ungläubig“ zu bezeichnen. Vor allem Gelehrte können (manchmal: müssen) das tun, wie das Gelehrte weltweit im Fall der IS(IS)-Terroristen gemacht haben. Selbstverständlich ist das möglich. Ein Ali-normal-Muslim sollte sich aber sehr genau vorher überlegen, ob er sich wirklich die Bürde auferlegen möchte, in jedem zweiten Kommentar auf Facebook einen Glaubensbruder als Ungläubigen zu bezeichnen.

Übrigens können auch Gelehrte mal unterschiedlicher Meinung diesbezüglich sein. In Albanien wird eine Anekdote eines Gelehrten erzählt, der einen Freund besuchte und diesen beim Gehen als Ungläubigen bezeichnete. Als er gefragt wurde, warum er das behauptete, meinte er: Bei uns ist es Brauch, die Schuhe eines Gastes so umzudrehen, dass er beim Gehen direkt hineinschlüpfen kann. Mein Freund hat das nicht getan und somit mich, einen Gelehrten, nicht respektiert. Wer aber einen Gelehrten nicht respektiert, respektiert auch das Wissen nicht, das er weiter gibt. Wer das Wissen nicht respektiert, respektiert auch den nicht, der das Wissen gebracht hat, also unseren Propheten. Wer unsren Propheten nicht respektiert, respektiert auch den nicht, der ihm das Wissen gebracht hat, also Cibril (Gabriel) a.s. Wer aber Cibril nicht respektiert, respektiert Den nicht, von Dem Cibril sein Wissen: Gott. Wer Gott nicht respektiert ist ein Kafir.

Wehe uns, wenn das so wäre :))

– –

Ein gänzlich anderer Fall liegt vor, wenn Muslime auf Fehler hinweisen und Unrecht bekämpfen wollen, oder müssen:

„Wer von euch etwas Übles sieht, soll es mit eigener Hand ändern, und wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge verändern, und wenn er dies nicht kann, dann mit seinem Herzen, und dies ist die schwächste Form des Glaubens.“

Hier wird allerdings nicht pauschal über einen anderen Menschen als ‚ungläubig‘ geurteilt!

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2 Kommentare zu “‚Du Kafira‘ – Teil II

  1. shaheedarebecca
    5. April 2015

    Was ist, wenn jemand wie in meinem Beispiel sagt „Allah kann nicht alles tun, was er will“?
    Ist man dann intolerant, wenn man ihn als Ungläubigen bezeichnet? Weil ja nur Allah „in die Herzen schauen“ kann?

    Die Leute, die den korrekten Takfir machen, urteilen nicht. Allah ist es, der urteilt. Sie zitieren nur Allah. Und ich denke mal, jeder Muslim weiß, dass ER das Recht hat, zu urteilen. Er wird das auch. Am Tag des Jüngsten Gerichts.

    Deine Beispiele in den beiden Artikeln hier sind sehr schön. Man kann sie erzählen, wenn jemand beispielsweise sagt, eine Muslima mit Niqab sei besser bei Allah als eine Muslima ohne Kopftuch. Man kann sie aber nicht erzählen, um Sünden zu rechtfertigen. Das geht einfach nicht.

    Schalte wenigstens mein Kommentar frei. Wäre ziemlich undemokratisch, es nicht zu tun.

    Diese Religion ist keine Rosinenpickerei. Bitte relativiere nicht Allahs Worte.

    Gefällt 1 Person

    • ayhanakcin
      7. April 2015

      Selâm Aleyk,

      möge dich der Eine, dessen Anfang und Ende nicht existent ist, mit dem Paradies beschenken und dadurch, dass ich für dich dieses Bittgebet schreibe mich diesseits und jenseits reichlich belohnen. Âmîn.

      Nur der Eine, dessen Anfang und Ende nicht existent ist, weis wer Kafir, Muschrik, Mucrim oder Mugmin ist oder als solches Leben lassen wird. Wir können nur spekulieren und Vermuten.

      Möge uns der Eine (c.c.), dessen Anfang und Ende nicht existent ist, als Mugmin leben und als Mugmin sterben lassen. Niemand hat eine Garantie Mugmin zu sein, geschweige den einen Freischein (Tabiri caiz ise) zum Paradies, außer den El-‚aşeret-il mubeşşirūne bil Cenneh, die 10 die mit dem Paradies zu Lebzeiten beglückwünschst wurden.

      Warum können wir nicht gegenüber uns selbst intolerant sein und gegenüber anderen tolerant. Warum nehmen wir nicht an, dass jemand der einmal im Leben das Glaubensbekenntnis ausgesprochen hat, oder gelesen hast, ins Paradies kommt, aber für uns selbst diesen Grundsatz lieber nicht in Anspruch nehmen. Warum können wir nicht gegenüber uns selbst wie ein Richter wirken der richtet, aber gegenüber andere wie ein Verteidigender Rechtsanwalt sein.

      Wir sollten differenzierter denken. Mag sein, dass dieser eine, von dem Sie berichten, in dem Moment Kafir ist, aber wer kann oder darf behaupten, dass dieser auch ein Kafir bleiben wird, selbst ein Augenblick danach. Man weis nicht was in einem Vorgeht, in welcher Ernsthaftigkeit Kufur ausgesprochen wurde, wie tief seine Reue ist anschließend danach. Ich meine Allah erschafft jeden Augenblick meinen freien Willen und durch meinen freien Willen bzw, verlangen zu schreiben auch gerade jetzt das Schreiben und tippen dieser Buchstaben, nur weil ich es will. Vielleicht ist es so gemeint, dass Allah durch mein verlangen auch böses geschehen lässt, wenn ich es wollte, obwohl Allah das schlechte nicht mag. Kann das denn sein, dass dieser eine es so gemeint hat, oder ist er/sie sofort zu beurteilen und als Kafir abzustempeln? Auch wenn dieser eine Über den Freien Willen im Islam keine Ahnung hat, lässt sich vermuten das er/sie es irgend wie ahnt.

      Außerdem, wer darf sich das Recht nehmen eine Person als Kafir zu bezeichnen. Sind Sie etwa ein KADI der richten darf im Namen des Einen und des Propheten z.B. Abraham (a.s).

      Für uns das beste und für andere das schlechte Anzunehmen ist sehr riskant. Besser ist für uns selbst worst case und für andere das best case anzunehmen, damit wir nicht nur wissen im Kopf ansammeln, sondern auch dem in der Brust etwas immaterielles zu essen geben versuchen, mit der Erlaubnis des Einen (c.c.).

      Sehr geehrte Schwestern, Brüder und alle Lebewesen, erschaffene des Einen dessen Anfang und Ende nicht existent ist.

      Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. April 2015 von in Allgemein.
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