betül ulusoy

Muslimische Männer – nur Helden in Computerspielen

Wir sitzen in einem Café. Er erzählt, dass es in Berlin kaum Saunen nur für Männer gibt, in die er gehen könnte und auch sonst kaum Schwimmbäder, die auch mal Männertage hätten. Ich kenne das Problem von der Frauenseite und ich weiß auch, wie muslimische Frauen seit Jahren Lösungen suchen und finden. „Schließt euch doch zusammen und mietet für ein paar Stunden in der Woche ein Schwimmbad“, sage ich. „Du weißt doch, wie das bei uns Männern ist“, meint er: „So viele sind es gar nicht in meinem Umfeld, die Wert darauf legen und bereit wären, mit zu machen“. Das ärgert mich. Das ärgert mich auch an der ganzen Debatte um den koedukativen Schwimmunterricht an Schulen. Warum waren es eigentlich immer muslimische Schülerinnen, die geklagt haben? Warum hat das nie einen muslimischen Schüler gestört? Ja, es ist einfacher für einen Mann, sich zu bedecken. Das ist aber nicht das Einzige, worum es geht und warum die Schülerinnen klagten. Sie klagten ein mal für das Recht, sich bedecken zu dürfen. Andererseits aber auch dafür – und das ist wichtig – nicht mit Mitschülern schwimmen oder ansehen zu müssen, die selbst unbedeckt sind. Wie machen das die Jungen? Schwimmen sie neben ihren Mitschülerinnen mit verschlossenen Augen oder warum hat das für sie scheinbar bisher nie zu einem religiösen Konflikt geführt.

Ähnlich ist es auch sonst im Sport. Während unsere muslimischen Männer unbehelligt in Scharen ins Fitnessstudio laufen, suchen sich muslimische Frauen oft Fitnessstudios nur für Frauen – und nehmen dafür einen längeren Weg und teure Gebühren in Kauf. Ich frage mich, woran das liegt, dass sich Männer so wohl und frei fühlen können und ob sie einen religiösen Freischein haben, von dem ich nichts weiß.

Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass unsere Männer einfach generell religiösen Konflikten gern aus dem Weg gehen, wo immer sie können. Das ist ja auch anstrengend. Es stört sie nicht, wenn stattdessen ihre Frauen an Lösungen arbeiten und kämpfen. Sie haben ihnen das Feld gerne überlassen. Sie selbst sind lieber Krieger und Helden in Computerspielen. Das ist einfacher und macht mehr Spaß.

Wieder sitze ich mit einem Freund in einem Café. Er wurde kürzlich zum neuen Vorsitzenden des Jugendvereins seiner Moscheegemeinde ernannt. Eigentlich steckt er gerade in einer schwierigen Phase und hat keine Zeit dafür. „Warum hast du das denn akzeptiert?“, frage ich ihn. „Wirklich gefragt wurde ich ja nicht“, sagt er: „Es war sonst niemand da, der es hätte machen können“. Er erzählt davon, wie wenig junge Menschen bereit sind, in die Moschee zu gehen und sich dann auch noch dort zu engagieren. Ich frage ihn, woran das liegt, wo die ganzen jungen Männer denn sind und ob er, als Mann, nicht anderen ein Vorbild und Ansporn sein kann, zumindest in seinem eigenen Freundeskreis. Ich habe das lange Zeit selbst in meiner ehrenamtlichen Arbeit erlebt. Zum Teil waren neunzig Prozent der Teilnehmer von Projekten Frauen und so musste ich nicht selten vor Sitzungen die zwei Männer der Gruppe anrufen und abstimmen, ob auch wirklich beide kommen, weil sonst auch der andere abgesagt hätte. Als einziger Mann hat man es schließlich nicht immer leicht in einer Frauengruppe. Das war für alle beteiligten ziemlich unangenehm und ich stand ein paar mal dumm da, als es dann doch nicht klappte und nur ein Mann – böse in meine Richtung blickend – im Kreis saß. „Ich weiß es nicht“, sagt mein Freund: „Die interessieren sich einfach nicht so sehr für ehrenamtliche Arbeit“. Kann man junge Menschen nicht mit Freizeitaktivitäten locken? „Das versuchen wir ja. Wir bieten auch Zocker-Turniere, Filmabende und Sport an. So richtig scheint das aber auch nicht zu ziehen. Selten bleibt jemand zum Gesprächskreis“, erzählt er.

Ich glaube nicht, dass der einzige Grund dafür, dass sich so viel mehr Frauen als Männer engagieren, der ist, dass Frauen mehr Diskriminierungen ausgesetzt sind – zumal das ja nicht einmal stimmt. Bei manchen scheint der Grund auch zu sein, dass vor allem religiöses Engagement eher Frauensache ist. Religiöse Bildung – Frauensache. Religiöses Benehmen – Frauensache. Religiöse Bedeckung – Frauensache. Wenn die Mama daheim ein Kopftuch trägt, ist alles in Ordnung. Es hängt zu viel an der Bedeckung der Frau. Denn – ich sage das einmal gemein und drastisch: Unsere Männer sind ja schließlich immer dann da, wenn es einen Anlass zum Anzugtragen gibt. Schicke Empfänge mit Politikern und Unternehmern oder Engagement in Parteien und Unternehmerverbänden sind hoch im Kurs. Ich sage nicht, dass das verwerflich ist. Im Gegenteil. Ich sage aber, dass das nicht alles sein kann. Unser Leben kann nicht ausschließlich aus Universitäten, Fitnessstudios oder Empfängen bestehen. Wir brauchen einen Ausgleich. Wir können nicht nur nehmen, warten, dass andere Kämpfe ausfechten. Wir müssen selbst Verantwortung übernehmen, auch für andere, auch zurück geben. Wer sonst so stolz ist, ein Mann zu sein, vor Kraft zu strotzen, der möge das doch bitte auch in einem Ehrenamt oder in der Moschee unter Beweis stellen und für Gott, nur für Gott, einsetzen. Wir Schwestern brauchen eure Hilfe. Weder das Ehrenamt, noch die Religion sind allein Frauensache.

– –

Natürlich pauschalisiert dieser Text. Wir haben viele ganz wundervolle Brüder in unseren Gemeinden, die sich 24/7 unaufhörlich für alle möglichen Belange der Muslime einsetzen. Ihnen gebührt großer Dank . Möge Allah mit ihnen und uns zufrieden sein.

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9 Kommentare zu “Muslimische Männer – nur Helden in Computerspielen

  1. ayhanakcin
    6. April 2015

    Im Ehrenwerte Kuran-al Karim heißt es sinngemäß:

    Sag zu den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten. Das ist lauterer für sie. Gewiß, Allah ist Kundig dessen, was sie machen.(Sure 24 an-Nur, 30 )

    und schließlich für Frauen:
    Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer ihren Ehegatten, ihren……(Sure 24 an-Nur, 31 ).

    Bemerkbar ist das die Abhandlung im Fers (31) für Frauen eine viel längere ist. Da alles im Kuran-al Karim eine Hikme hat….. liegen wir nicht falsch in der Annahme das Frauen mehr zu bedecken haben als Männer. Das heißt aber nicht das Männer einen Frei schein haben.

    Das dienen in der Mosche oder ähnliche ist nicht so einfach, weil es viele Parteiergreifungen innerhalb des Islams gibt. Auch wenn mal jemand ehrenamtlich tätig seien will, wird er nicht gelassen. Das gibt es ach, LEIDER.

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  2. guezeltepe
    6. April 2015

    Hallo liebe Betül,
    und wieder so ein wunderschöner Artikel, der mir voll aus der Seele spricht. Ich habe mich schon so oft gefragt, was finden Männer eigentlich so toll daran in der Teestube stundenlang zu spielen. Es gäbe doch soviel anderes, sinnvolles zu tun.
    Dabei kommt immer sofort der Gedankengang, wie und wofür werden Männer erzogen? Welche Vorbilder haben Männer? Verfügen Frauen – Mütter über genug Wissen, um Jungen für ein ausgefülltes Leben zu erziehen? Sicher, irgendwann ist der Junge erwachsen und kann sich selber umschauen, sich selber sinnvoll Freizeitbeschäftigungen suchen. Aber auch davon, muss er sicher in seiner Kindheit was gehört haben. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie in Familie und familienergänzenden Institutionen (Kita – Schule) davon was hören. Wie oft habe ich von Männern schon den Satz gehört, was sollen wir denn sonst tun. Arbeiten ohne Geld zu verdienen – Freiwillige Arbeit / Ehrenamt – davon haben die wenigsten je gehört.
    Es gibt viel zu tun, packen wir es an.
    Geschwisterliche Grüsse aus Bremen
    Barbara

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    • ayhanakcin
      7. April 2015

      Aha, ein sehr gut gedachter Kommentar und zum weiter denken bewegender zugleich. Es sind im grunde Mütter und machmal auch Väter die die Jungs zu denen machen was sie sind. Unglaublich wieviel Verantwortung die Frauen tragen. Nicht um sonst heißt es in einem Hadith:

      „Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter.“ (Dieser Hadith wurde von An-Nasaaíi und Ibn Maajah folgendermaßen überliefert: „Ein Mann kam zum Propheten (salla-llahu ´alaihi wa salam. Allahs Segen und Frieden auf ihm) und sagte: ‚Oh Prophet Allahs! Ich beabsichtige, am islamischen Kampf für die Sache Allahs teilzunehmen. Ich kam, um dich darüber zu befragen.‘ Der Prophet (salla-llahu ´alaihi wa salam. Allahs Segen und Frieden auf ihm) fragte den Mann: „Hast du eine (lebende) Mutter?“ Der Mann sagte: ‚Ja.‘ Er (salla-llahu ´alaihi wa salam. Allahs Segen und Frieden auf ihm) sagte: „Verschwinde nicht aus ihrem Blick, das Paradies liegt zu ihren Füßen.“)

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      • guezeltepe
        7. April 2015

        „Aha, ein sehr gut gedachter Kommentar und zum weiter denken bewegender zugleich. Es sind im grunde Mütter und machmal auch Väter die die Jungs zu denen machen was sie sind. Unglaublich wieviel Verantwortung die Frauen tragen.“

        Ich bin weder Bibel- noch Koranfest, finde es aber immer wieder interessant, wieviel aktuelles in den Büchern steht, die vor so langer Zeit geschrieben wurden. Auch Pädagogen aus früheren Jahrhunderten, haben schon vieles erkannt, was heute nach wie vor höchst aktuell ist.
        Im Grunde sind es Männer und Frauen in den unterschiedlichsten Rollen und Funktionen, die Jungen zu Männern (Mädchen zu Frauen) werden lassen. Ich denke dabei tragen Vater, Mutter und die Familie die größte Verantwortung. Danach kommen Kita, Schule, Freizeiteinrichtungen und die religiösen Einrichtungen. Sie alle haben eine sehr, sehr große Aufgabe, damit die Kinder und Jugendlichen nicht blindlings den Medien und zerstörerischen Einflüssen folgen.

        Dabei das rechte Maß zu finden, ist keine leichte Aufgabe.

        Ich denke, wenn dabei darauf geachtet wird, dass die eigenen Gedanken, die eigene Freiheit nicht zu Gewalt führt, ist jeder auf einem guten Weg.

        Gefällt 1 Person

  3. Adnan
    7. April 2015

    As salamu alaikum Betül. Ich lese sehr oft deine Beiträge und finde sie immer wieder Hammer 🙂 Nur muss ich dieses mal was los werden 😛 Ich mache selber sehr viel Sport (Kampfsport) und gehe auch ins Fitness Studio. Hier bei uns gibt es auch sogenannte „Lady Gyms“ aber ich habe noch nie ein Fitness Studio nur für Männer gesehen sry^^ Weder in meiner Stadt noch im Umkreis. Und ich denke das wen mal jemand auf die Idee kommen sollte sowas auf zu machen, sofort die Femen Aktivistinnen vor der Tür stehen würden und fragen würde warum hier keine Frauen rein dürften und wie Diskriminierend das gegenüber Frauen wäre.

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    • Barbara
      7. April 2015

      Tja, da fängt es an spannend zu werden. Aber warum soll es nicht möglich sein. Fitness Studios oder extra Tage nur für Frauen, nur für Männer, für Männer und Frauen. Jeder geht da hin, wo er sich wohl fühlt. Wo ist das Problem? Den Feministinnen sollte Toleranz, Akzeptanz, Respekt doch vertraut sein.

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  4. Ahsan Kurt Bashir
    7. April 2015

    Ich würde mich nur zu gern mehr angagieren, bin aber leider auch allein Verdiener und Vollzeit eingebunden. Wenn ich Zeit hab kümmer ich mich zuerst um Frau und Kinder. Ich denke viele Männer haben dieses Problem.
    Was das andere Thema angeht hast du vollkommen Recht. Wenn Frauen ins Frauen Fiitnesscenter gehen sollten Männer in Männer Fitnesscenter trainieren.

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  5. Fanaha
    9. April 2015

    Zitat: „Ich frage mich, woran das liegt, dass sich Männer so wohl und frei fühlen können …“ Und ich frage mich, was daran so falsch ist, sich wohl und frei zu fühlen. Das kann man den Männern doch wohl kaum zum Vorwurf machen. Ich dachte immer, die Musliminnen, die Kopftuch tragen und nur „halal“ schwimmen, fühlen sich damit wohl und frei. Wenn dem nicht so ist, sie sich also unwohl und unfrei fühlen, bleibt es ihnen doch unbenommen, im Badeanzug zu jeder x-beliebigen Zeit ins Schwimmbad zu gehen, in der gleißenden Sommerhitze in einen kühlen, blauglitzernden See zu springen, die Sonne und das Wasser auf der Haut zu spüren oder in ein Sportstudio ihrer Wahl zu gehen und dort mit Klamotten ihrer Wahl zu trainieren. Was sollte Allah denn dagegen haben? Warum sollte es eine Zumutung sein, sporttreibende Männer oder Frauen zu sehen? Wem oder was wird dadurch ein Schaden zugefügt?
    Zitate: „Sie selbst sind lieber Krieger und Helden in Computerspielen.“ „Wir können nicht nur nehmen, warten, dass andere Kämpfe ausfechten.“
    Also ganz ehrlich, mir sind Männer tausendmal lieber, die im echten Leben darauf verzichten, „Kämpfer und Helden“ zu sein. Männer müssen keine Kämpfer und Helden sein. Liebe Männer und liebe Frauen, seid einfach ihr selbst und genießt das Leben. Ihr müsst euch und anderen nichts beweisen.
    LG
    Fanaha

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. April 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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