betül ulusoy

Der Muslim muss Experte sein

Er ist quasi der einzige Muslim in seinem Jahrgang und wird dementsprechend oft befragt, wenn es um Themen geht, die scheinbar Muslime und Islam betreffen. Vor allem seine Mitschüler wollen Antworten von ihm, die oft sogleich wieder hinterfragt werden. Keinesfalls aus Bosheit, sondern weil es besonders kritische, intelligente und interessierte Jugendliche sind. Nur: Er fühlt sich zunehmend überfordert, wenn er stets über politische, wirtschaftliche, soziologische und theologische Dimensionen eines Sachverhalts Bescheid wissen und meist auch gerade stehen soll, obwohl er selbst noch ein Jugendlicher ist. Das ist nicht fair und belastend. Auch seine Mitschüler merken zunehmend, dass sie ihm abverlangen, was sie selbst nicht leisten könnten und dass er weder Verantwortlicher, noch Experte sein kann. Nach #CharlieHebdo beschließen sie deshalb, sich extern „Experten“ zu holen. Aus Eigeninitiative und mit Unterstützung ihres Schulleiters organisieren sie eine Podiumsdiskussion zum Thema. Auf dem Podium sollen ein Medienwissenschaftler, ein Journalist oder Karikaturist und ein Muslim Platz nehmen und über die Darstellung von Muslimen in europäischen Medien, über die Zensur journalistischer Arbeit durch Angst vor Anschlägen und die Bewertung aus muslimischer Perspektive diskutieren. So lande neben einem Professor an der FU Berlin und einem Journalisten von Spiegel auch ich über die Sehitlik Moschee in dieser Schule. Selten ist das Publikum einer Diskussionsrunde so aufgeweckt und kritisch wie diese Schüler. Am Ende sind viele Fragen beantwortet, aber nicht alle. Die Schüler haben weiteren Diskussionsbedarf, v.a. auch zu „Islam-Themen“ außerhalb des Podiumsthemas. Darum lade ich in die Sehitlik Moschee ein. Die Schüler freuen sich und stimmen über einen Besuch in der Schülerversammlung ab. Sie entscheiden einstimmig, eine Moscheeführung machen zu wollen. Der Schulleiter entscheidet daraufhin, dass ab sofort jeder Jahrgang ein mal an einer Moscheeführung teilnehmen soll. Sei es die Podiumsdiskussion oder die Moscheeführung: Es ist unglaublich, was einzelne interessierte Schüler alles erreichen und bewirken können, wenn sie nur wollen. Es ist beeindruckend, wie sie zeigen, dass überall dort ein Weg ist, wo auch ein Wille ist. Sie geben mir Zuversicht.

Heute waren nun die Schüler in der Moschee – und wie erwartet nicht nur mit einem kritischen und neugierigen Ohr, sondern auch hervorragend informiert. Während einige Erwachsene mir nicht sagen können, dass die Türme der Moschee Minarette heißen, kennen sie nicht nur die Diskussionen um ein Minarett-Verbot in der Schweiz, sondern auch die Debatten über das Islamgesetz in Österreich (und ich bin froh, dass ich gerade erst aus Wien zurück und darum Gott sei Dank gut informiert bin). Mit diesen tollen Menschen darf am Ende auch einmal ein Moschee-Selfie mit dem harten Kern sein. Ich bin wirklich glücklich und dankbar, dass es solche jungen und engagierten Menschen gibt!

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6 Kommentare zu “Der Muslim muss Experte sein

  1. Feminismus ist vom Shaytan
    28. April 2015

    Was für penetrante Unsympathisch – der arme Junge und dann noch ein so überflüssiges Thema.

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  2. Feminismus ist vom Shaytan
    28. April 2015

    Wer allen Ernstes der Ansicht ist, solche Jugendlichen seien sympathisch, leidet wohl am Stockholmsyndrom. Wer so abstoßend ist, einen unbescholtenen Muslim, in ein solches Inquisitionsverhör zu verwickeln, aufgrund eines Anschlags, mit dem er nichts zu tun hat, tut dies aus reiner Bosgaftigkeit und Feindseligkeit.
    Ich würde vorschlagen, diese moralisch überheblichen Jugendlichen zu westlichen Drohnenangriffen zu fragen, denen täglich dutzende von Moslems zum Opfer fallen.

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    • Franz
      29. April 2015

      Da interpretierst du aber viel rein und hast keine Ahnung. Ich denke eher das du moralisch überheblich bist.

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    • ws
      30. April 2015

      Als „Herkunfts-Moslem“ muss man sich schon entscheiden: Entweder man bleibt privat und lebt, falls überhaupt, seinen Glauben privat oder aber man trägt ihn wie eine Monstranz vor sich her. Dann allerdings darf man sich nicht wundern, wenn Fragen gestellt weden. Scheinbar Positives für sich reklamieren und Fragen nach dem Negativen, das nämlich notwendigerweise dazugehört, empört zurückweisen – das geht nicht.

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  3. Feminismus ist vom Shaytan
    29. April 2015

    So, so. Eine Begründung für Ihre These wäre angebracht.
    Bevor man auf andere mit dem Finger zeigt, sollte man in dem Fall bei sich selber ausmisten.

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  4. Ali
    29. April 2015

    Naja um zu sagen das jemand am Stockholmsyndrom leidet auch…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. April 2015 von in Allgemein.
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