betül ulusoy

Wenn der „weiße, deutsche Mann“ Rassismus erfährt

Wir werden nach einer Veranstaltung einander vorgestellt: „Ihr engagiert euch beide stark in der Geflüchtetenhilfe. Vielleicht könnt ihr euch austauschen und vernetzen“, sagt sie. Sie ist eine meiner Mentorinnen, ein wunderbarer und erfolgreicher Mensch mit Migrationsgeschichte. Wir haben kaum „Hallo“ gesagt, da ist er schon dabei, sich die Empörung von der Seele zu reden: „Ich frage mich langsam, ob und warum ich das als Bürger überhaupt alles stemmen soll. Zu Beginn der Geflüchtetenhilfe waren private Initiativen ja noch wunderbar und notwendig als Übergangslösung, bis sich die Behörden und Organisationen auf die Geflüchtetenwelle einrichten konnten. Es war toll, wie gespendet wurde, wie Speisen und Hygieneartikel herangeschafft wurden. Aber jetzt geht es ja nicht mehr nur um die Erstversorgung, sondern um nachhaltige Projekte!“ Er erzählt davon, dass sie in der Unterkunft, in der er sich engagiert, ein Telekommunikationsnetz für Geflüchtete Menschen einrichten und einen großen Bildschirm installieren wollen, mit dessen Hilfe die Bewohner über Angebote und wichtige Hinweise informiert werden können. Bisher wurde das nur mit Zetteln gemacht, die nur unzureichend übersetzt werden konnten und an Glastüren geklebt wurden. So funktionierte die Informationsweitergabe nicht ausreichend. „Aber ich denke mir langsam wirklich: Das ist doch eigentlich nicht meiner Aufgabe als Bürger. Ich kann gerne unterstützen, aber die Infrastruktur muss doch der Staat aufbauen. Die Verantwortung liegt dort, nicht bei den Bürgern! Stattdessen versucht sich der Staat offenbar aber aus der Affäre zu ziehen und spricht man mit den Behörden, merkt man schnell: Überall sitzen Beamte, die sich rassistisch gegenüber Flüchtlingen äußern. Was ich dort alles erlebt habe! Da wundert es kaum, dass alles auf den einzelnen Bürger abgewälzt wird. Ich will das eigentlich gar nicht mitmachen. Ich will, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt.“

Meine Mentorin und ich schauen uns an. Während sich unser Gesprächspartner – deutsch, weiß, männlich, erfolgreich – erst durch seine Geflüchtetenarbeit mit Doppelstandards beim Staat und Rassismus in den Behörden konfrontiert sieht und den Staat zum Handeln auffordert, gehörten solche Erfahrungen bereits unser ganzes Leben dazu. „Ich habe mich noch nie darauf verlassen, dass „der Staat“ etwas für mich tut“, sagt meine Mentorin, „und wenn ich mich auf Beamte verlassen hätte, hätte ich mit der Schulempfehlung, die sie für mich vorgesehen hatten, niemals aufs Gymnasium gehen und studieren können. Ich habe immer selbst für meine Ideale kämpfen müssen. Ich habe nie gelernt, Erwartungen an den Staat zu haben. Wir können nicht darauf warten, dass sich der Staat bewegt, die Flüchtlinge brauchen jetzt unsere Hilfe.“

Ich nicke. Auch ich habe nie „den Staat“ auf dem Schirm, wenn es um soziales Engagement geht. Ich bin es gewohnt, alle Projekte ehrenamtlich und mit privater Unterstützung umzusetzen. Ich käme kaum auf die Idee, den Staat in die Verantwortung zu nehmen, auch dann nicht, wenn mein Engagement sich in Bereichen bewegt, die eigentlich Aufgabe des Staates gewesen wäre.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass meine Mentorin über ihre Schulempfehlung sprach oder unser Gesprächspartner von Doppelstandards. Jedenfalls muss ich an meine Parallelklasse aus meiner Oberschulenzeit denken, die gut zu 90 % aus Schülern mit Migrationshintergrund bestand. Das galt für meine Klasse, eine sogenannte Hochbegabtenklasse, nicht. Als wir später während des Abiturs im Kurssystem die Schüler unserer Parallelklasse kennenlernten, waren einige zunächst nicht so gut auf uns anzusprechen. Wir erfuhren: Immer wenn bei uns ein Lehrer krank geworden war, wurde bei ihnen der reguläre Lehrer abgezogen und hatte bei uns Vertretungsunterricht gemacht, damit wir im Lehrplan nicht hinterher hinkten. Über all die Jahre hinweg. Damals hatte ich nicht so recht verstanden, warum unsere Parallelklasse so wütend war und warum sie sich so aufregten. Wahrscheinlich hatte ich mir nicht genügend Zeit genommen, ihnen zuzuhören, weil ich nicht betroffen war und mich das alles allenfalls am Rande interessierte. Heute weiß ich, dass diese Schüler, wenngleich wir auf die selbe Schule gegangen waren, eine ganz andere Ausbildung bekommen hatten, als wir und somit ganz andere Voraussetzungen und Möglichkeiten für ihre universitäre Laufbahn. Während ich besonders gefördert und in meiner rosaroten Welt ausgebildet wurde, hatten sie um jede Unterrichtsstunde kämpfen müssen. Wer so aufwächst, verlässt sich nicht auf den Staat.

Ich war geschäftlich in München, als die ersten größeren Geflüchtetenströme dort ankamen“, erzählte meine Mentorin noch, „da hatte eine Notunterkunft das Problem, dass es keinen Wasseranschluss gab. Laut einer Behördenauskunft hätten die Anschlüsse auch nicht ohne weiteres installiert werden können – Bis sich jedenfalls die katholische Kirche einschaltete und forderte, dass das umgehend erledigt werden muss. Innerhalb einer Stunde waren dann doch alle Anschlüsse freigelegt.“ Wir brauchen zivilgesellschaftliches Engagement. Wir brauchen Bürger, die ihrem Staat auf die Finger schaut – Unermüdlich. Es braucht Menschen, die jetzt selbst erleben, dass so vieles zwar so wunderbar ist in Deutschland, aber eben noch viele Strukturen nicht so funktionieren, wie sie dachten und wie es sein müsste. Menschen, die Forderungen an den Staat stellen und die ihre Forderungen dann auch einfordern. Denn wenn unsere Geflüchteten allein gelassen werden, brauchen wir uns auch in Zukunft nicht über negative Schlagzeilen wundern. „Es muss sich was ändern!“ sagt unser Gesprächspartner noch, bevor ich mich endlich auf den Weg mache. Ich muss schmunzeln und freue mich, dass er diese neuen Erfahrungen gemacht und das erlebt hat, was für Menschen wie mich lange zum Alltag gehörte.  „Es wäre schön, wenn sich etwas veränderte“, denke ich.

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3 Kommentare zu “Wenn der „weiße, deutsche Mann“ Rassismus erfährt

  1. schdrahlemann
    1. Oktober 2015

    Darf ich noch ergänzen, was am dringlichsten verändert werden muss? Schlicht und ergreifend die unvorstellbar hohe Anzahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge – und zwar drastisch nach unten! Andernfalls werden wir einen Kontrollverlust unseres – bis dato als freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratie gefestigten – Deutschlands in ungekanntem Ausmaß erleben!

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  2. chris
    2. Oktober 2015

    Habe ca. 50% Abzüge vom Bruttolohn, entsprechend reduziert ist mein Wille, mich ehrenamtlich zu engagieren. Der Staat arbeitet doch auch beim Steuerinkasso professionell, warum dann nicht anderswo? Und wenn eine Kanzlerin Einladungen verteilt, soll sie auch die Party schmeißen.

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  3. the_real_siteadmin
    4. Oktober 2015

    Wenn es bei der riesigen und nicht vorhersehbaren Zahl an sog. Flüchtlingen bei der Versorgung knirscht, dann muss das natürlich Rassismus sein.
    Einem Hammer ist die Welt voller Nägel….

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Oktober 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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