betül ulusoy

Ich falle in alte Schemata zurück – und mehr #TOM15

Ein Berliner Migrationsbeauftragter spricht mich als Erster an: „Hat sich der Medientrubel um die Arbeitsstelle im Bezirksamt Neukölln gelegt?“, fragt er. Dann erzählt er: „Früher dachten wir ja, dass das Kopftuch nur aus Zwang getragen werden kann. Wir waren geprägt von unserer eigenen Geschichte, der Frauenbewegung, der Befreiung vom Kopftuch, der Stigmatisierung als etwas Rückständiges. Frauen wie Necla Kelek waren später Maßstab für die Bewertung. Wir sahen das Kopftuch als Problem, nicht als Teil der Lösung. Heute sehe ich ja, dass viele Frauen ein Kopftuch tragen, obwohl ihre Mütter und Großmütter es nicht tragen. Das kann kein Zwang sein. Sie sehen es als Teil ihrer Identität.“ Ich sage ihm, dass ich mich freue, dass anscheinend ein Umdenken stattgefunden hat. „Nein, nein“, meint er, „das habe ich gelernt über die Zeit, viele andere haben das auch in meiner Behörde noch nicht verstanden.“ Davon kann ich ein Lied singen, denke ich mir. „Selbst ich falle immer wieder in alte Schemata zurück“, spricht er weiter, „Wenn mir auf dem Kottbusser Damm eine Gruppe von Frauen in langen Gewändern entgegenkommt, bekomme auch ich Angst und denke: Das wird ihnen von ihrem Verband Milli Görüs indoktriniert.“ Ich kann diese Sätze kaum mehr hören. „Als ich mich gegen das Bezirksamt Neukölln gewehrt habe, gab es auch vereinzelt Stimmen, die meinten, ich würde von Verbänden geleitet“, erkläre ich ihm, „man traute einer Muslimin nicht zu, dass sie stark genug war, ihre Stimme so laut zu erheben und sich Gehör zu verschaffen. Würde ich schweigen, wäre ich die Unterdrückte, spreche ich, bin ich die Instrumentalisierte. Man kann es als muslimische Frau schwer jemandem Recht machen.“ Er nickt nachdenklich. „Schön, dass ich Sie endlich einmal persönlich kennenlernen und mir ein eigenes Bild fernab der Berichterstattung machen konnte“, sagt er am Ende eines langen Gesprächs.

Kurz darauf kommt eine Mutter mit ihrem Sohn. „Wir sind gekommen, weil wir gehört haben, dass ihr Gebetsketten mit Kindern bastelt. Mein Sohn ist verrückt nach Gebetsketten“, sagt sie. Eigentlich hatten wir das nicht vor, aber der Junge schaut mit so erwartungsvollen Augen, dass ich mit ihm basteln gehe. Damit habe ich für die nächsten Stunden die Kinderbetreuung „am Hals“. „Kennst du Tutenchamun?“, fragt er eine Frau, die an uns vorbei geht. Sie verneint. Er guckt abschätzig. „Kennst du Tutenchamun?“, fragt er mich. „Ja“, antworte ich. „Wer ist er denn?“, hakt er nach. „Ein ägyptischer Pharao“, meine ich. „Weißt du, in welchem Alter er gestorben ist?“ „Sehr jung“, sage ich nur. Ich weiß das genaue Alter nicht und bei diesem Jungen schätzt man lieber nicht. „Weißt du, wie alt er war, als er Pharao wurde?“, möchte er wissen. „Sehr jung“, sage ich. „So jung, wie ich jetzt bin“, meint er. „Wie alt bist du denn?“ „Neun.“ „Und du interessierst dich für das Alte Ägypten?“, möchte ich wissen. „Ja, sehr. Die Ägypter, waren die ersten richtigen Menschen!“, sagt er. „Meinst du, die erste Zivilisation?“ „Genau“, sagt er. Geschafft. Er hält mich weder für besonders schlau, noch für besonders dumm. Damit kann ich leben. „Betül abla“, setzt er nach Stunden an, „bekommst du Sevap (gute Tat, Belohnung) von Allah, weil du hier mit uns bastelst?“ Ich weiß plötzlich nicht, was ich sagen soll. „Du weißt bestimmt: Jeder Schritt, den wir zur Moschee machen, ist bereits eine gute Tat und wir sind heute alle den ganzen Weg hierher gekommen und dürfen zusammen Gebetsketten basteln. InsAllah bekommen wir alle viel Sevap“, erkläre ich, „aber du bekommst das bestimmt, denn du hast so viele Ketten gebastelt, die du verschenken willst!“ Er nickt. „Ich habe auch Geld in die Spendenbox geworfen!“, sagt er stolz. Bald haben wir eine kleine Traube von Ketten bastelnden Kindern und Eltern gebildet. Zwischendurch beantworte ich Fragen – von Rentnern zum Koran, von Frauen zu Frauenrechten, von kleinen Mädchen zur Kalligraphie. Ein Vater kommt mit seiner drei-jährigen Tochter zum Basteln. Ich stelle Fragen, sie klebt am Vater. Ich lasse sie in Ruhe basteln. Als sie fertig sind mit Fädeln, kommen sie zu mir, damit ich Knoten kann. „Das ist aber schick geworden“, sage ich. Sie guckt böse. Auf Fragen antwortet sie weiterhin nicht. Dem Vater ist das langsam unangenehm: „Du brauchst doch keine Angst haben“, sagt er ungeduldig zu seiner Tochter und entschuldigt sich bei mir. Dabei ist das absolut nicht nötig. Mir ist unangenehm, dass ihm das unangenehm ist, also mache ich Scherze zur Auflockerung. Sie ist eben drei – Und mega knuffig!

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Draußen werde ich von einem Helfer angesprochen: „Betül, da ist ein Christ und will was mit Flüchtlingen machen. Übernimm du das!“ Der Herr hat sich mit Sicherheit nicht so vorgestellt. Aber das sind die zwei Informationen, die bei dem Stress an diesem Tag hängen bleiben. Ständig kommen Menschen mit persönlichen Anliegen, die persönliche Gespräche und persönliche und kompetente Ansprechpartner wollen. Das lässt sich schwer bewältigen. Eigentlich habe ich zum Beispiel gar keine Lust auf dieses Gespräch. Ich verrolle demonstrativ die Augen in Richtung des Helfers und gehe widerwillig ins Büro, wo der Herr wartet. Er ist Arzt und hat viel vor. „Ich bin 1937 geboren und habe den Nationalsozialismus als Kind miterlebt. Ich weiß, wie es ist, wenn Bomben fallen und ich weiß, wie es ist und was es mit einem macht, wenn man fliehen muss. Viele Deutschen wissen das nicht mehr. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, fliehen zu müssen?“, fragt er mich. Natürlich weiß ich das nicht. „Ich habe zwei Diktaturen erlebt und überlebt“, meint er, „jetzt möchte ich helfen“. Ich schreibe seine Kontaktdaten auf und gebe ihm unsere. Ich erkläre die Strukturen unserer Gemeinde(-arbeit) und sage, was wir leisten können und vor allem: Was nicht. Er ist ein wahnsinnig lieber Mensch, der nur schwer verbergen kann, wie übermüdet und betroffen er ist. „Sagt ihnen dieses Facebook etwas?“, fragt er ernst und entlockt mir, die ich eigentlich immer auf alles gefasst bin, ein unkontrolliertes Grinsen. Ein Ehepaar löst ihn ab. Sie sind Sänger in einem Chor und möchten gerne mit Flüchtlingen singen. Auch mit ihnen tausche ich Kontaktinformationen aus. Das Thema Flüchtlinge herrscht auch heute, nicht nur im Programm des Tags der offenen Moschee, sondern auch in den Köpfen vieler unserer Gäste.

Gegen Abend soll eine Lesung von Fereshta Ludin stattfinden. Endlich möchte ich ihr einmal in Ruhe zuhören und gehe nach oben in die Moschee. Dort ist aber gerade eine Führung zu Ende gegangen. Einige Gäste haben Fragen und kommen auf mich zu. Die Lesung beginnt und ich bekomme wieder gar nichts mit. Irgendwann ist nur noch ein Mann da. „Ich habe viele, sehr viele Fragen“, sagt er und beginnt mit leichten, als würde er abwägen wollen, ob es sich lohnt, sie mir zu stellen. Wir stehen gut eine Stunde da und werden nur zwei Mal von Fragen anderer Gäste unterbrochen: Zwei Muslime, die wissen wollen, wann das Gebet endlich beginnt. „Es ist ja schon Zeit für das Abendgebet!“, wundere ich mich. Zu diesem Zeitpunkt haben wir mit dem Gast über Stammesväter, Himmel und Hölle, Frauenrechte, Imame und Muftis, Schöpfungsgeschichte und Urknall gesprochen. Endlich einmal auf intellektuellem Niveau. Das Gespräch macht wirklich Spaß. „Interessant, wirklich sehr, sehr interessant“, sagt er immer wieder, „Sie haben bei mir mit so viel Unwissenheit oder besser, falschem Wissen über den Islam und Vorurteilen aufgeräumt.“ Als seine Mutter, die er „die Regierung“ nennt, die Geduld verliert und endlich gehen möchte, fragt er, ob ich auch Seminare in der Moschee gebe und ob er wieder kommen kann. Das war die erste Frage an diesem Tag, fällt mir ein: Zwei Frauen hatten gefragt, ob sie auch außerhalb des Tags der offenen Moschee kommen können. Sie sollte auch die letzte für diesen Tag sein. „Natürlich. Sie können kommen, wann immer sie wollen!“, sage ich. Unsere Moschee ist immer offen. Im doppelten Wortsinn.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Oktober 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
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