betül ulusoy

Beyer bekommt die Villa, Ulusoy nicht

Wir wollen ein Familienfest feiern. Ich suche eine Location und finde ein Schloss. Wir vereinbaren einen Termin mit dem Veranstalter und Mama und ich gehen die Räumlichkeiten besichtigen. Ich bin etwas aufgeregt. Was, wenn sie Gäste wie uns nicht dort nicht wollen?

Mama hatte schon einmal für eine andere Familienfeier eine Villa mieten wollen. Als sie dort anrief und mit türkischem Namen vorstellig wurde, wurde ihr ein Preis genannt, der ihr überhöht schien. Kurzerhand rief der deutsche Ehemann ihrer Freundin noch ein Mal an – und bekam die Villa für die Hälfte des Mietpreises zugesprochen. Eine Familie Beyer war willkommener als eine Familie Ulusoy.

Meine Freundin hat erst vor ein paar Wochen eine Wohnung mit ihrem Verlobten anmieten wollen. Ihr Verlobter hatte sich um die Suche gekümmert und ihre Fotos und Videos geschickt. Es war ihre Traumwohnung. Er sagte also zu und vereinbarte einen Termin mit dem Vermieter, um den Mietvertrag zu unterzeichnen. Sie gingen an diesem Donnerstagmorgen also zum ersten Mal gemeinsam hin – und kamen ohne Schlüssel aber mit vielen Tränen wieder. Einer Frau mit Kopftuch hatte der Vermieter doch keine Wohnung zu vermieten.

Ich stellte mich also darauf ein, dass der Termin, den ich mit dem Veranstalter vorher via E-Mail vereinbart hatte, doch plötzlich vergeben sein konnte, wenn ich dann vor ihm stand.
Vielleicht brachte es etwas, wenn ich mich möglichst modern kleidete. Was auch immer das bedeutete. Bereits zwei Tage vorher überlegte ich wie ein Schulmädchen, dass zum ersten Mal zu einem Vorstellungsgespräch geht, was ich anziehen sollte. Meiner Mama ließ ich an meinen Ängsten nicht teilhaben. Brauchte ich auch nicht, wie sich später herausstellen sollte. Sie hatte nämlich genau die selben Sorgen und ließ mich ihrerseits nichts anmerken. Und ich hatte mich gewundert, warum sie an diesem Tag besonders chic angezogen war.

„Wir sind mit Herrn X verabredet“, sagte ich einem Mitarbeiter im Schloss angekommen. „Ich gebe Bescheid“, antwortete dieser uns verschwand. Was er ihm jetzt wohl erzählen würde? Würde er ihn vorwarnen? Hatte sich der Mitarbeiter eigentlich auffällig verhalten, merkwürdig geguckt, als er uns gesehen hatte? Herr X kam schließlich. Er begrüßte uns höflich, wir setzen uns redeten über die Konditionen, er führte uns durch die Location, wir setzen uns erneut und besprachen Details. Er war freundlich, zuvorkommend, humorvoll, willigte ein, Halal-Fleisch beim Fleischer unseres Vertrauens zu kaufen. „Ich möchte gern, dass Leute wie Sie hier feiern“, sagte er, „Sie sind die Ersten“. Ich sah abrupt zu meiner Mama, die mich auch bereits ansah – irritiert und amüsiert zugleich. Als wir wir uns schließlich verabschiedeten, konnten wir gar nicht glauben, wie das Gespräch verlaufen war. „Eigentlich ein guter Geschäftsmann“, meinte Mama. Türken feiern schließlich gern und oft. „Aber wir kennen doch auch ganz andere Geschäftsmänner“, gab ich zu bedenken. Mama pflichtete mir bei. „Hast du gehört?“, fragte sie, „er WILL Leute WIE UNS!“ So freuten wir uns also darüber, dass wir für viel Geld Räume anmieten durften – Wie jeder andere Bürger auch.

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2 Kommentare zu “Beyer bekommt die Villa, Ulusoy nicht

  1. Trippmadam
    19. April 2016

    Wahrscheinlich hat er es nur nett gemeint. Aber dass er meinte, es extra betonen zu müssen…und wer sind eigentlich „Leute wie Sie“? Ach je, es gibt noch viel zu tun.

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  2. culbia
    19. April 2016

    Ich finde die ganze Geschichte „stark“ – dass Du mit einem auslaendischen Namen mehr zahlst. Ich hab echt gedacht das gibt es nicht mehr… 😦

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. April 2016 von in Allgemein.
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