betül ulusoy

Männer-Beherrschung und Frauen-Überwindung

„Hat denn noch jemand von euch eine Frage?“, möchte ich wissen. Gleich mehrere Hände schießen in die Höhe. „Warum trägst du das Kopftuch?“, will er wissen. „Was glaubt denn ihr, was ein Grund dafür sein könnte, dass eine Frau ein Kopftuch trägt?“, frage ich zurück. Sie schauen mich an. Diesmal heben sich ein paar wenige Hände zögerlich. „Um die Männer zu schützen“, antwortet sie, „damit Männer sich besser beherrschen können, wenn sie Frauen sehen.“ Diese Erklärung habe ich eigentlich schon oft gehört – wenn auch nie von Muslimen selbst! – und doch bin ich erstaunt, dass das jetzt von einem jungen Mädchen kommt. „Nein“, sage ich, „auch wenn das viele denken. Wisst ihr, einem solchen Mann gibt der Koran nämlich eine klare Antwort: Er selbst soll seine Blicke senken. Er ist für sich selbst verantwortlich und das ist nicht die Aufgabe von Frauen:
„Sag den gläubigen Männern, dass sie ihren Blick senken und auf ihre Keuchheit achten sollen: dies wird für ihre Reinheit am förderlichsten sein – (und) wahrlich, Gott ist all dessen gewahr, was sie tun.“ (Koran, 24:30)
Im Sinne der Gleichberechtigung sagt das der Koran übrigens im nächsten Vers auch Frauen, die aufdringlich sind: Senkt eure Blicke!
Hinter dem Kopftuch steckt also nicht der Schutz der Männer. Aber überlegt doch mal: Wenn ich ein Kopftuch trage und mich bedecke, was bleibt dann von mir übrig? Was seht ihr dann von mir?“, frage ich. Eine Hand schellt in Höhe. Noch bevor ich ihn rannehmen kann, sagt er: „Dein Gesicht!“ Ich unterdrücke ein Lachen und nehme jemand anderes ran: „Deinen Charakter“, sagt sie. „Richtig, indem wir unsere äußeren Werte bedecken, sollen wir uns mehr auf unsere inneren Werte konzentrieren können“, sage ich. Soweit jedenfalls die Theorie.
Am Abend sitze ich mit Freunden zusammen und warte darauf, dass endlich die Zeit zum Fastenbrechen kommt. Mir war schon bei der Begrüßung sofort aufgefallen, dass eine meiner Freundinnen (- kein Kopftuch -) heute komplett ungeschminkt war. „Wow!“, hatte ich gedacht und sprach sie in einem ruhigen Moment auch gleich darauf an. „Betül!“, meinte sie daraufhin aufgeregt, „es ist so unglaublich schwer! Ich stehe ständig mit einem Concealer vor dem Spiegel und möchte zumindest diesen einen Fleck hier und dort verbergen, muss mich dann jedes mal von Neuem überwinden.“ Ich weiß genau, was sie meint. Auch wenn wir beide nicht die großen Schminker sind: Sich selbst mit Augenringen, mit einem Fleck, mit ungeschminkten Wimpern zu akzeptieren und sich dann zu trauen, so in die Öffentlichkeit zu gehen, kostet viel Überwindungskraft. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, gut aussehen und uns gut darstellen zu wollen. Wir haben verlernt, uns so zu akzeptieren und zu lieben, wie wir sind, verlernt anzunehmen, dass so kleine Äußerlichkeiten nicht zählen, dass es auf unsere inneren Werte ankommt. Viel zu oft werten wir uns mit Äußerlichkeiten auf und machen andere an Äußerlichkeiten fest. Und wenn wir danach gefragt werden, sagt jeder von uns, dass es ihm natürlich nicht um das Äußere geht: „Für mich zählt der Charakter!“ – Wir belügen uns selbst. „Zumindest im Ramadan wollte ich daran arbeiten“, sagt sie. Ich kenne das auch von anderen Freundinnen: Zumindest im Ramadan tragen einige von ihnen ein Kopftuch oder längere Kleidung oder eben: Sie legen sich die Auflage auf, sich nicht schminken zu dürfen. Allesamt, um an ihrem Charakter arbeiten zu können (und dadurch Gott näher zu kommen). Denn das ist es, worum es im Ramadan geht: Uns, unseren Charakter, unser Herz bessern.
Damit schon jetzt einen wunder-, wunderschönen, herzlichen und gesegneten Iftar! Möge Gott das Fasten der Fastenden annehmen ❤
#Ramadan #Tag19
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3 Kommentare zu “Männer-Beherrschung und Frauen-Überwindung

  1. Myriade
    24. Juni 2016

    Es ist nicht ganz einfach die Erläuterung, dass das Kopftuchtragen die inneren Werte betonen soll mit der auffallend großen Anzahl stark, zu stark geschminkter vor allem türkischer junger Frauen unter einen Hut zu bringen. Und auch mit deinem Text, in dem steht, dass du es gut verstehen kannst, dass es eine geradezu übermenschliche Anstrengung ist ungeschminkt aus dem Haus zu gehen …..

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  2. Eckhardt Kiwitt
    27. Juni 2016

    Eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, wie hier gleich zu Beginn dargestellt, zeugt vielleicht davon, dass man / frau keine Antwort auf die Frage hat. Hilflosigkeit.

    Was ist denn so attraktiv daran, sich einem totalitären System zu unterwerfen und dessen Vorschriften zu befolgen ?

    Zum Vergleich:
    Die Verfassung Deutschlands, das GG, gewährleistet (garantiert) individuelle Rechte und Freiheiten.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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  3. Eckhardt Kiwitt
    27. Juni 2016

    Masochismus ?

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Juni 2016 von in Allgemein.
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