betül ulusoy

Kopftuch & Alkohol – Macht (kein) Sinn

„Aber“, sagt er und beginnt seinen Satz erneut mit meinem Lieblingswort: „Aber es gibt doch auch Mädchen, die unterdrückt werden und die der Vater zwingt, ein Kopftuch zu tragen?“ Ich sage ihm, dass es wohl auch solche Fälle geben soll. „Und?“, frage ich. Natürlich weiß ich, worauf er hinaus will und er lässt sich auch nicht lange bitten: „Na dann ist doch ein Kopftuchverbot gerechtfertigt, damit diese Mädchen nicht mehr unterdrückt werden können! Oder nicht?“ Na bitte. Ich liebe solche einfachen Schlussfolgerungen. Mit dieser Logik müssten wir quasi alles verbieten.

Das erinnert mich an den Teenie-Film Footloose, in dem die Bewohner des Städtchens Bomont ein generelles Tanzverbot für Jugendliche einführen, weil fünf Teenager bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind. Macht keinen Sinn? Für Bomont schon: Die Teenager befanden sich schließlich auf dem Rückweg von einer Party, auf der getanzt wurde. Et voilà, damit ist die Verbindung zwischen Tanzen, Tod und Verbot hergestellt. So ähnlich kann man sich das doch auch beim Kopftuch hinbiegen.

Die Frage des Mannes steht noch im Raum. Ich beschließe kurzerhand, ihm mit einem Beispiel zu antworten, das – zugegeben – dumm und einfach ist, zur Abwechselung aber mal ihn direkt betrifft und darum vielleicht auch verständlicher sein wird. „Gemäß ihrer Argumentation sollten wir Alkohol generell in Deutschland verbieten“, sage ich. Er guckt mich entnervt an. War ja klar, dass die Muslimin mit Alkohol kommen musste. „Überlegen Sie mal: Es gibt Menschen, die verantwortungsbewusst mit Alkohol umgehen können. Aber“, sage ich und lasse es mir nicht nehmen, den Satz so zu beginnen: „Aber es sterben in Deutschland doch auch jährlich 74.000 Menschen in Folge zu hohen Alkoholkonsums. Alkohol birgt auch ganz konkrete Gefahren für die Gesundheit, richtig?“ „Ja“, sagt er. „Dann lassen sie uns ein Trinkverbot für Alkohol einführen“, verkünde ich: „Dann haben wir das Problem nicht mehr! Selbst die Möglichkeit der Entstehung eines Problems wird von vornherein verhindert!“ Er sieht mich an. Er überlegt. Zum ersten Mal in unserem Gespräch überlegt er. Manchmal sind die klischeehaftesten und einfachsten Beispiele also doch ganz einleuchtend, überlege auch ich, auch wenn es mir oft peinlich ist, sie zu bringen. Man muss den Menschen die Dinge so erklären, wie sie es – so Gott will – auch verstehen können.

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7 Kommentare zu “Kopftuch & Alkohol – Macht (kein) Sinn

  1. Khalid
    9. April 2015

    Die Alltagstheorie der Menschen erklärt viel, doch stets unzureichend. Scheinkausalitäten werden erzeugt bzw. angeführt, selten entspricht dieser Argumentationsweise einer rationalen Logik. Falsche Prämien müssen nicht notwendigerweise zu einer falschen Schlussfolgerung führen. Nicht selten tun sie es doch. Es ergibt sehr wohl einen Sinn sich eines solchen simplen Argumentationsmusters zu bedienen, denn in einer solchen Diskussion geht bisweilen nicht um die Wahrheitsfindung, sondern schlicht um das Recht bekommen, weniger um das Recht haben. Polit-Talkshows führen dies uns sehr gut vor Augen. Derartige Diskussionen ermüden einen sehr schnell und sind nicht unbedingt gewinnbringend, wenn man erfasst mit wem man es gerade zu tun hat. Ich bin für Aufklärungsarbeit, für den Dialog, für eine ehrliche und offene Streitkultur, „aber“ nicht mit eindimensional denkenden Menschen. Du entziehst ihm vielleicht die Argumentation, nicht aber seine Überzeugung mit der er durch die Welt hausiert. Sehr schöner Text.

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  2. Myriade
    9. April 2015

    Alltagstheorie ? Prämien 😀

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  3. Khalid
    9. April 2015

    durch die Welt hausiert. Sehr schöner Text.
    Alltagswissen oder Alltagstheorie, gehüpft wie gesprungen. 🙂 Unsere Erklärungsmuster sind sehr einfach gestrickt und durch falsches Vorwissen geprägt. Das ist im Grunde meine Hauptaussage. 😀

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  4. ws
    9. April 2015

    Der Trick, mit Abstraktationen und Beispielen, die das eigentlich Gemeinte nicht vollständig abbilden, Verwirrung zu stiften, ist bekannt. Einfacher und präziser wäre es, konkret beim Thema zu bleiben. Zur Alkohol-Analogie: Dort gilt, wie überall, die Abwägung unterschiedlicher Rechtsgüter: Freiheit und Selbstbestimmung vs. gutgemeintem Paternalismus. Der Gesetzgeber hat den Zugang erschwert, mit Steuern belegt, aber nicht verboten – das Kopftuch ist auch nicht verboten. Es taugt nur nicht als positives Rollenmodell, weswegen Repräsentanten des Staates es bisher (und hoffentlich auch in Zukunft) nicht tragen sollten. Um im Bild zu bleiben: Alkohohol trinken ist erlaubt, aber Lehrer wollen wir nicht besoffen sehen. Comprende?

    Was es sonst noch zum Kopftuch zu sagen gilt, kann man hier lesen:
    https://mentalsidekicks.wordpress.com/

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  5. ws
    9. April 2015

    Es heißt natürlich „Abstraktionen“.

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  6. mademoisellerainbow
    11. April 2015

    Zu aller erst: Du schreibst sehr schön. Hast einen wirklich guten Stil.

    Dein schlichtes und einfaches Beispiel ist mehr als man denken mag. Danke dafür, denn somit habe ich für nächstes Mal auch ein gutes Beispiel.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. April 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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