betül ulusoy

Mit Kopftuch stehst du über Frauen in Hotpants

„Sag mal du trittst doch auch für die negative Kopftuch Freiheit ein oder?“, fragt er mich und erntet dafür ein dickes Augen verdrehen und nicht mehr als ein „Ach, komm!“ von mir. Genau das, was er auf so eine Frage verdient, finde ich, denn gerade er müsste es eigentlich besser wissen. Jeder, der mich nur ein wenig kennt, weiß, dass ich schon immer auch dafür eingetreten bin, dass jede Frau genau so leben darf, wie sie es möchte und sich FÜR, aber auch GEGEN ein Kopftuch entscheiden können muss und dafür weder Konsequenzen von staatlichen noch kulturellen Strukturen befürchten muss. „Wir setzen uns dafür ein, dass jeder so leben darf, wie er will, nicht so, wie andere es gerne haben möchten. Dazu gehört auch, dass sich eine Frau selbst aussuchen darf, ob sie einen Minirock trägt, eine Krawatte oder eben auch ein Kopftuch.“ So hatten mich die taz und die Berliner Zeitung schon sehr früh zitiert und daran hat sich bis heute nichts geändert. Es ging und geht beim „Kampf ums Kopftuch“ niemals darum, dass das Kopftuchtragen ein Ideal ist, das jede Frau praktizieren sollte oder dass das Kopftuch an Dominanz, Stärke und Einfluss gewinnen soll. Es ging und geht einzig und allein darum, dass jede Frau selbstbestimmt leben soll, egal, wie sie sich ganz individuell entscheidet. Mit und natürlich auch ohne Kopftuch.

Weißt du“, erkläre ich ihm, als unsere Unterhaltung weiter geht, „ich finde, es kann nicht sein, dass man sich die Berechtigung, für etwas einzustehen, erst dadurch ‚verdienen‘ muss, dass man zunächst andere Dinge ablehnt und eine Klarstellung voranstellt. Wenn ich über strukturellen Rassismus reden muss und möchte, dann muss ich das auch ohne wenn und aber tun können, ohne dass ich mich zuvor von Zwangsheirat, Zwangsbedeckung und am besten noch dem IS distanzieren muss. Es ist ganz klar, dass ich mich auch für eine Minderheit von muslimischen Mädchen einsetze, die das Kopftuch nicht aus freien Stücken tragen und mich gegen islamisch begründeten Extremismus einsetze und das schon seit Jahren in Workshops, Führungen, Fachkonferenzen, Filmabenden, in den sozialen Medien und im realen Leben. Ich übernehme gerne Verantwortung, wie viele andere meiner muslimischen Freunde und Vorbilder auch. Aber ich muss das wirklich nicht erst noch einmal betonen, wenn ich mich auch gegen Rassismus und Diskriminierung einsetze.“

Ich kenn‘ dich ja, weiß dass dein Herz am richtigen Fleck ist!“, sagt er. Auch ich weiß: Im Grunde hat mein Blondschopf recht, wenn er möchte, dass ich doch öfter mal betone, dass ich auch für die Freiheit einstehe, KEIN Kopftuch zu tragen: „Viele haben eben Angst“. Allzu oft verlangen wir Empathie von unserem Gegenüber. Vielleicht hatte ich in der Hektik der letzten Zeit vergessen, genau das auch zu tun: Empathie zeigen. Ich stecke schon so tief in den Strukturen und in der Arbeit, dass ich ganz klar weiß, dass es für mich keinerlei Raum für Zwang und Extremismus in meiner Religion geben darf. Natürlich habe ich das auch mehrfach kommuniziert. Aber wie so oft: Bei 80 Million Menschen in Deutschland gibt es immer jemanden, der es noch nicht gehört hat und auch wenn es für mich frustrierend sein mag: Ich darf anscheinend nicht müde werden, es weiterhin zu kommunizieren.

Ängste haben ohnehin eine eigenartige Dynamik. Einmal habe ich auf einer Podiumsdiskussion zunächst einmal nur ein paar Daten und Fakten zum Kopftuch nennen wollen und gesagt, dass überhaupt nur 28 Prozent der muslimischen Frauen in Deutschland ein Kopftuch tragen – bei den 15 – 26 Jährigen sogar nur 20 Prozent. Es ging ein merkwürdig erleichtertes Raunen durch den Raum. Manchmal habe ich das Gefühl, manche Menschen denken, Kopftuchträgerinnen würden schon übermorgen das Land übernehmen, Angela Merkel ein Kopftuch überziehen und eine Schar kopftuchtragender Lehrerinnen unsere Kinder indoktrinieren. Dabei machen die Zahlen deutlich: Frauen mit Kopftuch sind lediglich ein sehr geringer Teil unseres sehr vielfältigen Landes, nur eine kleine Facette eines ansonsten sehr facettenreichen und gerade deshalb schönen Deutschlands. Dadurch, dass Lehrerinnen auch mit Kopftuch arbeiten dürfen, wird es keinen Ansturm auf Schulen geben, sondern nur ein paar wenige Lehrerinnen mit Kopftuch, neben vielen, die keines tragen. Ohnehin bestehende Vielfalt wird sichtbarer, aber niemandem aufgedrückt auch wenn manchmal dieser Eindruck entstehen mag. Ich glaube, das liegt auch daran, weil wir so unendlich viel über das Kopftuch reden (müssen). Das hat einen Effekt, wie bei schwangeren Frauen, die plötzlich überall ebenfalls Schwangere oder Babys sehen. Dabei kennen wir alle unsere Geburtenraten und wissen, dass man in Deutschland nun wirklich nicht überall Schwangere und Babys sehen KANN, aber weil man gerade selbst damit konfrontiert ist, nimmt man das so wahr. Das erinnert mich auch an den Sommer 2010, als in Dänemark sehr hitzig über ein Burkaverbot diskutiert wurde. Irgendwann kam man dann doch auf die Idee, einen Untersuchungsbericht in Auftrag zu geben, der über den Umfang des Burkatragens in Dänemark Aufschluss geben sollte. Anfang diesen Jahres erstellten dann Soziologen der Universität Kopenhagen einen Bericht: Sie hatten unter sämtlichen weiblichen Einwohnern Dänemarks keine einzige Burkaträgerin finden können. Manchmal diskutieren wir wirklich an Realitäten vorbei und ein wenig Entspannung würde uns wahnsinnig gut tun.

Zwei Tage nach unserem Gespräch erhalte ich eine Nachricht: „Viele hätten vielleicht mehr Verständnis für das Kopftuch, wenn du auch erklären könntest, warum du ein Kopftuch trägst und was das Kopftuchtragen dir bedeutet“, meint er. Diesmal schaffe ich es, ein Augenverdrehen zu unterdrücken. Schon 2006 stellte eine Umfrage der Konrad Adenauer Stiftung klar: 97 Prozent (nach einer sehr neuen Dissertation: 96 Prozent) der Kopftuchträgerinnen tragen das Kopftuch allein aus religiöser Überzeugung. Das Kopftuch ist etwas höchstpersönlich. Ich zeige allein meinem Schöpfer damit, dass ich ein für mich religiöses Gebot einhalte, so wie das Beten oder das Fasten. Es ist KEIN Statement nach Außen! Ich drücke mit meinem Kopftuch NICHT aus, dass ich reiner, besser, religiöser wäre, als andere Frauen. Auf Podien oder in Führungen habe ich schon die skurrilsten Ängste und Fragen gehört. Eigentlich kann mich nichts mehr vom Hocker reißen. Dachte ich. Bis ich einmal gefragt wurde: „Warum glauben Frauen, die ein Kopftuch tragen, dass wir Freiwild sind, nur weil wir uns freizügiger kleiden und  dass sie über uns stehen?“. Ich bin ehrlich: Ich fühlte mich ernsthaft beleidigt durch diese Frage und traurig, als ich davon aufgeregt meinen muslimischen Freundinnen erzählte und sie mich mit großen Augen ansahen: „Du hast das erst jetzt mitbekommen? Viele Frauen glauben, wir würden ihnen mit unserem Kopftuch nur zeigen wollen, dass wir besser sind als sie“. Mir blieb die Spucke weg. Niemals war mir auch nur ansatzweise der Gedanke gekommen, ich könnte besser sein, als andere, nur weil ich ein Kopftuch trage. Doch wo wir gerade bei Empathie sind, vielleicht hilft Frauen, die das glauben, folgendes: Meine Schwestern und meine Tanten tragen auch alle kein Kopftuch. Man wird mir wohl zumindest bei ihnen glauben können, dass ich sie – man möge mir den Ausdruck bitte verzeihen – für Schl*mpen (so lautete eigentlich der ursprüngliche Wortlaut der Frage, statt „Freiwild“) halte. Im Gegenteil: Meine Schwestern sind für mich die allerreinsten Wesen, die es auf dieser Welt geben kann. Es ist übrigens in vielen muslimischen Familien so, dass einige Schwestern ein Kopftuch tragen, andere nicht, dass die Mutter ein Kopftuch trägt, die Tochter nicht und umgekehrt, dass einige Cousinen ein Kopftuch tragen, andere nicht. Das ist total selbstverständlich und niemand käme auf die Idee, schlecht über die einen oder die anderen zu denken. Das Kopftuch allein hat noch aus keinem einen guten oder schlechten Menschen gemacht.

Vorgestern war ich wieder mit meiner deutsch-deutschen besten Freundin unterwegs, erst brunchen, dann shoppen. Ich in den längsten und breitesten Klamotten, die mein Kleiderschrank hergab, sie in kurzen Shorts und Shirt. Eigentlich nichts, was für mich eine besondere Erwähnung Wert wäre, nur: Wir beiden scheinen gemeinsam immer aufzufallen, als wären wir zwei bunte Hühner. Ungewöhnlich oft, so hatte ich das Gefühl, suchten andere Frauen Augenkontakt zu mir, um mich ganz bewusst und ganz gezielt anzulächeln. Ob sie erleichtert darüber waren, dass ich augenscheinlich nichts gegen Frauen in Shorts hatte? Oder einfach nur glücklich, weil das Wetter so schön war? Ich hoffe, letzteres. Denn meine Freundin und ich sollten doch eigentlich das allernormalste in Deutschland sein. Genau so unterschiedlich und so gleich, wie wir sind.

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5 Kommentare zu “Mit Kopftuch stehst du über Frauen in Hotpants

  1. Verdiloo
    24. Juli 2015

    Frau Ulusoy, ich wünsche Ihnen im Namen vieler Mitmenschen alles alles Gute. Machen Sie weiter so und viel Erfolg.

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  2. Pia
    24. Juli 2015

    Schöner Text, vielen Dank. 🙂

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  3. Katja
    24. Juli 2015

    Ich lächele auch häufig Frauen mit Kopftuch an. Einfach um zu zeigen, dass ich unterstütze, dass sie tragen was sie möchten. Wenn so viel über Kopftücher diskutiert wird, kann man sich irgendwann gar nicht mehr normal bei Kopftuchträgerinnen verhalten, weil man so gern seine Akzeptanz zeigen möchte.

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  4. Pingback: Trotz Kopftuch: Ich bin doch nicht Maria! | betül ulusoy

  5. Johannes
    15. Dezember 2015

    „Man wird mir wohl zumindest bei ihnen glauben können, dass ich sie – man möge mir den Ausdruck bitte verzeihen – für Schl*mpen (so lautete eigentlich der ursprüngliche Wortlaut der Frage, statt „Freiwild“) halte.“
    Ich glaube du hast da ein „nicht“ vergessen 😉
    Sonst sehr guter Text!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Juli 2015 von in Allgemein und getaggt mit .
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