betül ulusoy

Unsere Flüchtlinge, eure Spenden

„Ich habe mit meinem Bäcker geredet. Fahr morgen früh dort vorbei und kauf‘ Börek für die Flüchtlinge ein, ich zahle“, sagt er. Super lieb, aber wie viel darf ich aus geben? „Ich habe dem Bäcker erst einmal 100 Euro gegeben, aber wenn du meinst, dass mehr gebraucht wird: Kauf‘ von mir aus den Laden leer!“

Ich schlucke. Ich weiß, er meint das ernst. Ich führe vieler solcher Gespräche nach einem Facebook-Post um Mitternacht darüber, dass die LaGeSo – die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge – völlig überlastet ist und hunderte Geflohene dort ohne Trinken, Essen, Hygieneartikel und Decken bei 40 Grad ausharren müssen. Bis spät in die Nacht beantworte ich noch Facebook-Nachrichten von Hilfsbereiten, die Geld, Decken, Kleidung, Handtücher, Hygieneartikel spenden wollen. Der Ansturm ist immens. Einmal mehr wird mir bewusst, wie unglaublich weit die Reichweite über Soziale Medien ist. Lachen muss ich, als ein Spender in Zehlendorf sagt: „Ich finde es beeindruckend, dass du wirklich selbst die Sachen abholst. Schließlich bist du ja bekannt.“ In Wirklichkeit haben wir mit einer Freundin mehrere Routen durch Berlin organisiert, die Freunde abfahren. Alleine würden wir alles gar nicht abholen können. Ich bin bei der Hitze so dankbar dafür. Fünf Stunden fahre allein ich an diesem Morgen durch die Stadt.

Ich spüre selbst im Auto die Hitze, die durch das Dach prallt. Wenn sogar wir das so sehr im klimatisierten Wagen spürten, mussten wir uns beeilen, noch schneller bei den Flüchtlingen anzukommen. Das Frühstück lassen wir ausfallen, obwohl wir um 10 Uhr feststellen, dass unser Blutzucker gesunken ist – Den ersten Bissen nehmen wir um 17 Uhr zu uns. Als wir im LaGeSo ankommen, ist das Auto so voll, dass ich im Rückspiegel kaum etwas sehen kann und Nemi nicht mehr aus dem Wagen kommt, weil sie auch auf ihrem Schoß noch Spenden lagert.

Schon als ich beim Bäcker ankomme, ist im Kofferraum kein Platz mehr – dabei passt in den SUV wirklich viel. Der Sohn des Bäckers trägt mir alles zum Wagen. Sie legen noch eine große Tüte Böreks als Spende hinzu. Als ich mir noch einen Kaffee kaufen möchte, muss ich erst Überzeugungsarbeit leisten, bevor ich ihn bezahlen darf. „Ich möchte nicht, dass sich in meine Hilfsabsicht ein eigener Vorteil mischt“, sage ich. Erst dann erbarmt sich der Bäcker. Nemi ist der selben Ansicht. Nicht einmal eine gespendete Weintraube würde sie in den Mund nehmen, genau so wie unsere Freundinnen vor Ort, die selbstverständlich keinen Schluck von dem gespendeten Wasser in den Mund nehmen würden. Auch dann nicht als wir selbst fast kollaborieren, weil wir beim stundenlangen Tragen und Verteilen der Spenden an die Flüchtlinge ganz vergessen haben, etwas zu trinken. Mir ist das wichtig. Ich muss an eine Facebook-Nachricht aus der Nacht denken. Ein mir unbekanntes Mädchen hatte mir Geld überwiesen und ich hatte ihr geschrieben, dass ich ihr Bilder schicken würde, damit sie sicher sein konnte, dass ihre Hilfe ankam. Schließlich kannte sie mich nicht persönlich – wie viele anderen Spender auch. Das Vertrauen finde ich erstaunlich und ich bin sehr dankbar dafür. „Wehe du tust so etwas! Ich möchte keine Bilder von dir“, hatte sie gesagt. Ihre Art zu sagen: Ich vertraue dir. Alhamdulillah.

Erstaunlich finde ich auch die Hilfsbereitschaft. Eure Hilfsbereitschaft. Ich bin nicht die emotionalste Frau, aber allein die Menge an Nachrichten hatte mich schon in der Nacht total aufgewühlt. Bei jeder einzelnen Nachricht musste ich mit den Tränen kämpfen. Völlig fremde Menschen schrieben mir, dass sie helfen wollten, verlangten nach meinen Kontodaten, gaben mir ihre Adressen. Aus allen Berliner Bezirken und auch bundesweit haben uns Spenden erreicht, ganz gleich ob es Schüler waren, Menschen, die selbst nicht viel haben, Kanzleien, Bäckereien, Beamte. Das Bedürfnis zu helfen erstreckt sich über alle sozialen und Altersgrenzen hinweg. Es ist einfach so wunderschön, allein das zu erleben. Ich danke jedem Einzelnen von Herzen. Möge euch Gott dafür reichlich belohnen. Als ich bei einer jungen Spenderin ankam, die mehrere Säcke mit Spenden für uns bereit gestellt hatte und vor ihrer Haustür schon auf uns wartete, habe ich ihr kurz erklärt, wie und wohin die Spenden gelangen und dass man auch selbst Spenden hinbringen und sich auch darüber hinaus um die Flüchtlinge kümmern kann. Es gibt so viele Möglichkeiten und Helfer werden auch dann gebraucht, wenn die mediale Aufmerksamkeit wieder abbricht. Als ich von den Umständen in der LaGeSo erzählte, habe ich schon gesehen, wie sie das mitnahm. „Nicht weinen, Süße“, habe ich gesagt – Und damit natürlich genau den Satz gesagt, den man nicht sagen sollte. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Traurig, aber auch schön zu sehen, wie betroffen das Schicksal anderer so viele macht.

Auch vor Ort war die Hilfe überwältigend. Dutzende Freiwillige waren gekommen, um Spenden zu bringen und beim Schleppen, Sortieren, Verteilen und Versorgen zu helfen. Besonders beeindruckend fand ich die Spender, die ihre Fahrräder mit literweise Wasser beladen und nach Moabit geradelt waren. Oder die Mutter, die ihr nur wenige Wochen altes Baby auf den Bauch geschnallt hatte und Melonen für die Flüchtlinge zurecht Schnitt. Die große Ladung mit Essen von Anwälten von Freshfields, die Vorfuhren und natürlich die Helfer, die bei jedem vorgefahrenen Auto ankamen und wie selbstverständlich beim Ausladen halfen. Das Pärchen, das Kistenweise Obst schleppte und jedes mal, wenn ich auf sie auf meinen Schlepptouren traf, röter zu werden schien. Andere Helfer mussten viele von uns daran erinnern, eine kleine Trinkpause zu machen. Wieder war die Hilfsbereitschaft und auch Aufopferungsbereit so groß, dass viele gar nicht merkten, dass sie selbst eigentlich völlig erschöpft waren. Yasmin ging schließlich für uns Helfer Wasser holen. Sie hatte hier schon gestern geholfen.

Jeder, der schon ein paar Kisten geschleppt hatte, bekam den Dreh raus: Mit Obst erfreute man Erwachsene. Kinder erfreute man mit Spielzeug, Süßigkeiten und Eis. Nach der fünften Kiste Obst haben wir uns also selbst damit belohnt, dass wir mit einer Süßigkeiten Kiste hinaus durften. Ich gebe zu, ich war gemein: Ich habe wirklich immer nur konsequent Kinder rein greifen lassen. Flüchtlingskinder sind, natürlich, genau so, wie andere Kinder auch: Manche greifen sich einen ganzen Haufen, füllen sich ihr T-Shirt, andere trauen sich kaum, einen einzigen Bonbon zu nehmen oder fragen, ob sie noch ein zweites für die Schwester mitnehmen dürfen, schauen einen mit großen, schüchternen, fragenden Augen an. Als ich einem Kind eine Hand voll Süßigkeiten gab, schaute es mich zunächst verwundert an. Dann zählte es durch: Eins für Mama, eins für Papa…

Wie es weiter geht? Gestern mussten die Flüchtlinge das Gelände des LaGeSo verlassen – Zum größten Teil ohne eine Übernachtungsmöglichkeit. Berliner Hilfsorganisationen haben versucht, einige Flüchtlinge unterzubringen. Auch einige Helfer vor Ort haben spontan ihre Wohnzimmer zur Verfügung gestellt. Beeindruckend. Außerdem ging für mich ein Traum war: Der Imam der Darul-Hekma (Haus der Weisheit), fuhr zur LaGeSo und holte rund 80 Flüchtlinge zu sich in die Moschee. Seit gestern Abend werden die Flüchtlinge dort von der Moscheegemeinde betreut. MasAllah. Das hat dann wirklich mein Tränenfass zum Überlaufen gebracht. Das ist die Nächstenliebe, die mich mir immer gewünscht habe. Unsere Moscheen können so viele Menschen aufnehmen. Danke, liebe Darul-Hekma, für das großartige Vorbild! Möge euch Allah reichlich belohnen. Amin.

Mit Freunden fahre ich gleich zu Ikea, in den Supermarkt und in einer Drogerie. Es werden noch Dekcen und Hygieneartikel benötigt. Außerdem haben wir warmes Essen für die Flüchtlinge organisiert. Danach hatten sie uns gestern gefragt. Schließlich sind sie zum Teil seit Wochen unterwegs und haben nichts ordentliches gegessen. Das ist alles nur auf Grund eurer großzügiger Spenden möglich!! DANKE!

Gestern wurden wir außerdem nach Kleidung gefragt. Ein Mann zeigte auf seine Kleidung am Leib und sagte, dass das das Einzige war, das er besaß. Er fragte nach einem sauberen T-Shirt oder nach eine Hose. Wer also Kleidung hat, auch für Mädchen, Frauen und Kinder: Sehr gerne einpacken und direkt zur Moschee fahren!

Ich bin auf merkwürdige Weise unheimlich glücklich.

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5 Kommentare zu “Unsere Flüchtlinge, eure Spenden

  1. Nezihe
    8. August 2015

    Toll!
    Die aktuellsten Infos bekommt man übrigens hier!
    Hier wird unheimlich viel koordiniert und es ist goldwert um sich einen Überblick zu verschaffen was benötigt wird und was nicht mehr.
    Es ist einfacher als nur auf eigene Faust zu agieren.
    https://www.facebook.com/events/1458428947796182/

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  2. jcsahnwaldt
    8. August 2015

    Ich kann auf Facebook nicht kommentieren, darum hier:
    https://www.facebook.com/events/1458428947796182/
    Koordination für Hilfe für Flüchtlinge vorm Landesamt für Gesundheit und Soziale
    Damit nicht vom einen zu viel und vom anderen zu wenig kommt…

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  3. Sherry
    9. August 2015

    Danke ❤️

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  4. Trippmadam
    9. August 2015

    Hat dies auf Geschichten und Meer rebloggt und kommentierte:
    Falls jemand in Berlin ist…

    Gefällt mir

  5. moopenheimer
    10. August 2015

    Hat dies auf Moopenheimer's Museum rebloggt und kommentierte:
    Der Museumsleiter entschuldigt sich. Es gibt im Moment viel wichtigere Dinge zu tun, als mein Museum zu füllen. Grüße aus Berlin!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. August 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , .
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